Bi(-/+)Archiv
Broschüren, Studien, Flyer, Photo's, Zeitschriften, Filme, Bücher zum Thema Bisexualität / Multisexualität.
Abschlußbericht der Pilotstudie 'Lebenssituationen und Diskriminierungserfahrungen von homosexuellen Jugendlichen in Deutschland'
Publikation: Wissenschaftliche Veröffentlichung / Arbeit, Bericht, Studie, ArchivID: 151
Zum anderen wurde im Verlauf des explorativen Vorgehens der Pilotstudie deutlich, dass sich über die erschlossenen Zugänge nicht nur Kontakte zu lesbischen und schwulen sondern auch zu bisexuellen und transsexuellen/transidenten Jugendlichen herstellen ließen. Dies führte zu einer folgerichtigen und bereichernden Erweiterung der Stichprobe, weshalb sich die Ergebnisse dieses Abschlussberichtes auf die Lebenssituationen und Diskriminierungserfahrungen von lesbischen, schwulen, bisexuellen und transsexuellen/transidenten – kurz LGBT 2 – Jugendlichen und jungen Erwachsenen bis ca. 27 Jahren beziehen. Damit wurde ein breiterer thematischen Zugang möglich, der sowohl dem Aspekt sexuelle Orientierung als auch dem Thema Geschlechtsidentität gerecht wird. Die im Laufe der Pilotstudie stattgefundene Entwicklung, weg vom Fokus ausschließlich auf lesbische und schwule Jugendliche hin zu LGBT- Jugendlichen und jungen Erwachsenen, wird mit Blick auf zukünftige Forschungsvorhaben weiter verfolgt.
Relevanz
Weshalb im Bi(-/+)Archiv?! Wo ist der Bezug zur Bisexualität / Multisexualität?Einbeziehung bisexueller Jugendlicher in die Studie, wenn auch nicht als eigenständige Kategorie.
Kommentar Bi(-/+) Archiv
Zusätzliche Informationen, Hintergrundwissen, Fakten oder Meinungen zu diesem Archivstück.Der Abschlußbericht der Pilotstudie untersucht die Lebenssituationen sowie Diskriminierungserfahrungen homosexueller Jugendlicher in Deutschland und bezieht bisexuelle sowie transidente Perspektiven ergänzend ein. Die Anlage verbindet quantitative Befragungen mit qualitativen Interviews und rekonstruiert soziale Erfahrungsräume zwischen individueller Identitätsbildung und gesellschaftlicher Normierung. Auffällig bleibt, daß Bisexualität zwar präsent ist, jedoch nicht als eigenständige Kategorie systematisch ausgearbeitet wird, sondern häufig im Schatten homosexueller Deutungsmuster verbleibt.
Frühe Selbstwahrnehmung und innere Gewissheit
Die Befragten beschrieben ihre sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität als früh einsetzende innere Gewißheit, die häufig vor ihrer sprachlichen Artikulation lag. Besonders im Bereich der Geschlechtsidentität wurde ein sehr frühes Empfinden von Differenz sichtbar, das erst später benannt werden konnte (vgl. S. 24). Diese zeitliche Verschiebung verweist auf begrenzte gesellschaftliche Begriffe und Deutungsangebote. Auch im Bereich sexueller Orientierung zeigte sich, daß Selbstwahrnehmung nicht automatisch mit sozialer Anerkennung zusammenfiel.
Coming-out als Prozess der Selbstoffenbarung
Das Coming-out wurde als vielschichtiger Prozess geschildert, der weniger durch äußere Ereignisse als durch innere Notwendigkeit ausgelöst wurde. Zentrale Motive waren das Bedürfnis nach Austausch über eigene Gefühle sowie der Wunsch, sich nicht länger verstellen zu müssen (vgl. S. 25). Die Phase vor dem Coming-out erschien als Zustand der Fragmentierung, in dem wesentliche Teile der eigenen Persönlichkeit verborgen bleiben mußten. Diese Erfahrung wurde als belastend und isolierend beschrieben.
Für bisexuelle Jugendliche trat eine zusätzliche Schwierigkeit hinzu: Die eigene Identität mußte häufig erst gegen Zweifel – sowohl von außen als auch von innen – stabilisiert werden.
Die Frage, woran sich Bisexualität „beweisen“ lasse, wurde wiederholt thematisiert (vgl. S. 25–26). Die Frage, ob eigene Erfahrungen „ausreichen“, um die eigene Identität zu legitimieren. Diese Suche nach „Beweisen“ verweist auf eine soziale Ordnung, in der Bisexualität weniger als stabile Kategorie anerkannt ist und daher stärker rechtfertigungsbedürftig erscheint.
Unsicherheit und soziale Infragestellung bisexueller Identität
Die Aussagen verdeutlichten, daß bisexuelle Jugendliche in besonderer Weise mit Infragestellungen konfrontiert waren. Rückmeldungen aus dem sozialen Umfeld führten dazu, daß eigene Empfindungen relativiert oder zeitweise verdrängt wurden (vgl. S. 26). Im Unterschied zu offener Ablehnung gegenüber Homosexualität zeigte sich hier eine subtilere Form der Entwertung: Während Homosexualität häufiger Gegenstand direkter Diskriminierung ist, erfährt Bisexualität oft eine Form der Negation oder Entwertung durch Nichtanerkennung.
Hier zeigt sich eine doppelte Unsichtbarkeit: Bisexuelle Identität wird weder vollständig in heteronormativen noch in homosexuellen Deutungsmustern stabil verortet. Die Folge ist eine erhöhte Notwendigkeit zur Selbstvergewisserung, die den Coming-out-Prozeß verlängert und emotional intensiviert.
Befürchtungen vor dem Coming-out
Vor dem Coming-out dominierten Ängste vor negativen Reaktionen, insbesondere Ablehnung durch Familie und Freundeskreis sowie soziale Nachteile im Bildungs- und Arbeitsumfeld (vgl. S. 27). Auch verletzende Bemerkungen und soziale Ausgrenzung wurden häufig erwartet. Diese Befürchtungen spiegelten reale Abhängigkeitsverhältnisse wider, insbesondere bei jüngeren Jugendlichen.
Interessant ist, daß bisexuelle Jugendliche im Durchschnitt geringere Befürchtungen äußerten als lesbische oder schwule (vgl. S. 28). Diese Differenz deutet jedoch weniger auf geringere Belastung hin, sondern auf eine veränderte Sichtbarkeit: Wo Identität weniger eindeutig wahrgenommen wird, verschieben sich auch die Formen möglicher Diskriminierung.
Nichtanerkennung und fehlende Ernstnahme
Ein wiederkehrendes Motiv bestand in der Sorge – und Erfahrung –, nicht ernst genommen zu werden. Coming-outs wurden teilweise als Phase, Experiment oder „Spleen“ interpretiert (vgl. S. 28). Diese Reaktion traf bisexuelle Jugendliche besonders, da ihre Identität häufiger als instabil oder unentschlossen gelesen wurde.
Hier zeigt sich eine strukturelle Differenz: Während homosexuelle Identitäten eher Gegenstand direkter Ablehnung sind, wird Bisexualität häufig durch Zweifel und Relativierung entwertet. Diese Form der Nichtanerkennung wirkt weniger sichtbar, aber langfristig stabilisierend für Unsicherheit.
Kontrollverlust und soziale Dynamiken
Das Coming-out brachte nicht nur die Möglichkeit von Anerkennung, sondern auch den Verlust von Kontrolle über persönliche Informationen mit sich. Die Weitergabe ohne Zustimmung erzeugte Unsicherheit darüber, wer über die eigene Identität informiert ist (vgl. S. 28). Diese Dynamik wurde als belastend beschrieben, da sie die eigene Deutungshoheit untergrub.
Gerade für bisexuelle Jugendliche verschärfte sich diese Problematik, da ihre Identität oft erklärungsbedürftig blieb und Fremdzuschreibungen schwer korrigierbar waren. Wird die Information unkontrolliert verbreitet, entzieht sich auch die Möglichkeit, die eigene Identität differenziert darzustellen.
Strukturelle Einordnung
Der Bericht zeigt, daß sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität tief in gesellschaftliche Macht- und Normstrukturen eingebettet sind. Innerhalb nicht-heterosexueller Identitäten wird eine implizite Hierarchie sichtbar, in der Bisexualität eine marginalisierte Position einnimmt. Diese Marginalisierung äußert sich weniger durch offene Gewalt als durch Unsichtbarkeit, Infragestellung und mangelnde begriffliche Stabilität.
Bisexualität erscheint damit als besonders sensibles Feld sozialer Anerkennung: Ihre Herausforderungen liegen nicht allein in Ablehnung, sondern in der fortwährenden Notwendigkeit, überhaupt als legitime Identität verstanden zu werden.
Hinweis
Bitte beachten Sie, daß die Inhalte von Archivalien nicht mehr dem heutigen Wissensstand oder der aktuellen Rechtslage entsprechen könnten.
ArchivID
151
Kategorie
Publikation -> Wissenschaftliche Veröffentlichung / Arbeit, Bericht, Studie
ISBN-13
Autor* / Autorin*
Dr. phil. Claudia Krell
Gefördert
Herausgeber* / Herausgeberin*
Quelle
Datenstand dieser Publikation
04.11.2013
Im Bi(-/+) Archiv seit dem
24.11.2015
Im Bi(-/+) Archiv veröffentlicht
17.02.2019
Archiviertes Format
Noch gesuchtes Format
Vielleicht hast Du nicht genau dieses gesuchte Archivstück, aber eventuell ein Anderes, welches Du dem Bi(-/+) Archiv überlassen möchtest. Schau bitte in die Wunschliste und unterstütze das Bi(-/+) Archiv!
Stichworte
#2013 #Äußeres Coming-out #Ausgrenzung #Biphobie / Bifeindlichkeit #Coming-out #Diskriminierung #Heteronormativität #Homonormativität #Homophobie / Homofeindlichkeit #Identität #Inneres Coming-out #sexuelle Identität #sexuelle Selbstwerdung #Vielfalt #Vorurteileletzte Bearbeitung: 02.07.2026
