Bi(-/+)Archiv
Broschüren, Studien, Flyer, Photo's, Zeitschriften, Filme, Bücher zum Thema Bisexualität / Multisexualität.
ArchivID
27
Originaltitel
Bisexuality. A Study
Kategorie
Ursprungsland
Vereinigtes Königreich Großbritannien und Nordirland
Sprache
Deutsch
Jahr
1981
Seiten
297
Auflage
1
ISBN-10
3-596-23822-6
ISBN-13
Autor* / Autorin*
Dr. Charlotte Wolff
Übersetzer* / Übersetzerin*
Brigitte Stein
Umschlagentwurf / Titelbild
Jan Buchholz;
Verlag
Im Bi(-/+) Archiv seit dem
21.11.2015
Im Bi(-/+) Archiv veröffentlicht
18.01.2018
Archiviertes Format
Stichworte
#1981 #Bisexualität #Bisexualitätsforschung #Charlotte Wolff #Diskriminierung #Genderfluidität #Gesellschaftskritik #Psychologie #Sexualität #Stereotypen #VorurteileBisexualität (Bisexuality. A Study)

Diese Studie zur Bisexualität - die erste grundlegende Untersuchung zu diesem Thema überhaupt - will als ein Schritt auf dem Wege zu einer umfassenden Erkenntnis der emotionalen und sexuellen Möglichkeiten des Menschen verstanden werden.
Kommentar Bi(-/+) Archiv
Zusätzliche Informationen, Hintergrundwissen, Fakten oder Meinungen zu diesem Archivstück.Meilenstein der Bisexualitätsforschung
Charlotte Wolffs Bisexualität, ursprünglich aus dem Jahr 1972, gilt als ein wegweisendes Werk in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der bisexuellen Orientierung. In einer Zeit, in der bisexuelle Identitäten häufig mißverstanden oder ignoriert wurden, bietet das Buch einen tiefgehenden Einblick in die psychologische, gesellschaftliche und kulturelle Dimension der Bisexualität. Dieser Essay beschäftigt sich mit Wolffs Analyse der Bisexualität, ihrer historisch-sozialen Betrachtung und den Reaktionen, die das Werk damals hervorrief. Ziel ist es, die Relevanz des Buches heute zu ergründen und zu bewerten, wie sich das Verständnis von Bisexualität seit seiner Veröffentlichung weiterentwickelt hat.
Die historische Perspektive auf Bisexualität
Charlotte Wolffs Bisexualität wurde ursprünglich unter dem Titel Bisexuality. A Study veröffentlicht. Der Begriff ”Study“ im englischen Titel hebt den wissenschaftlichen Anspruch des Werkes hervor und suggeriert eine systematische, theoretische Auseinandersetzung mit dem Thema. Es handelt sich nicht um eine biographische Erzählung oder eine Sammlung persönlicher Erfahrungen, sondern um eine tiefgehende Untersuchung der Bisexualität aus psychologischer, historischer und gesellschaftlicher Sicht. Dabei nutzt Wolff sowohl empirische Daten als auch theoretische Überlegungen, die durch Interviews und Fallbeispiele ergänzt werden, um Bisexualität als legitime und stabile sexuelle Orientierung zu argumentieren.
Gesellschaftliche Stereotype und das Tabu der Bisexualität
Ein zentraler Punkt in Wolffs Arbeit ist die Entmystifizierung und Entpathologisierung von Bisexualität. In der Mitte des 20. Jahrhunderts war die Vorstellung weit verbreitet, daß Bisexualität eine Phase oder eine ”Überbrückung“ zur Homosexualität oder Heterosexualität sei. Wolff weist jedoch nach, daß Bisexualität keine vorübergehende Orientierung darstellt, sondern eine stabile sexuelle Identität sein kann. Sie kritisiert die gesellschaftliche Tendenz, Menschen, die nicht in die traditionellen Geschlechterrollen und sexuellen Normen passen, zu stigmatisieren.
Die psychologische Dimension der Bisexualität
Wolff bringt in ihrem Buch die psychologische Komplexität der Bisexualität zur Sprache, indem sie die inneren Konflikte beschreibt, die viele bisexuelle Menschen erleben. Sie geht auf die Psychodynamik ein, die es bisexuellen Menschen erschwert, ihre sexuelle Identität zu akzeptieren, insbesondere in einem Umfeld, das heteronormative und homosexuelle Identitäten privilegiert. Wolff betont die Wichtigkeit der Selbsterkenntnis und Selbstakzeptanz für bisexuelle Menschen und zeigt auf, daß die Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität ein oft langwieriger Prozeß sein kann.
Die Stigmatisierung der Bisexualität in der Psychotherapie
Ein besonders interessantes Kapitel in Wolffs Werk ist ihre Auseinandersetzung mit der Rolle der Psychotherapie. In der Mitte des 20. Jahrhunderts war Bisexualität in der psychotherapeutischen Praxis häufig noch ein Tabuthema. Wolff kritisiert die psychotherapeutischen Konzepte ihrer Zeit, die dazu tendierten, Bisexualität entweder als Krankheit oder als Übergangsphase zu klassifizieren. Sie fordert eine differenziertere Betrachtung, die die Vielfalt sexueller Orientierungen anerkennt und respektiert.
Die gesellschaftliche Bedeutung der Bisexualität
Ein weiteres zentrales Thema in Wolffs Buch ist die gesellschaftliche Relevanz der Bisexualität. Sie beleuchtet die sozialen und politischen Implikationen, die mit der Bisexualität verbunden sind. Bisexualität wird häufig als weniger ”legitim“ betrachtet als Homosexualität oder Heterosexualität, da sie die traditionellen Geschlechter- und Sexualitätsnormen herausfordert. Wolff fordert mehr Sichtbarkeit und Akzeptanz für bisexuelle Menschen und setzt sich für die Anerkennung von Bisexualität als eine gültige sexuelle Orientierung ein.
Bisexualität in der Gesellschaft der 1970er Jahre
Wolffs Werk spiegelt die Zeit wider, in der es verfaßt wurde, eine Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs, der sexuellen Befreiung und der beginnenden Anerkennung der Homosexualität als eine gleichwertige Orientierung. Allerdings war die Bisexualität auch in der Bewegung für sexuelle Befreiung kein zentrales Thema, was Wolff kritisch anmerkt. Die gesellschaftliche Wahrnehmung der Bisexualität war damals von einer Reihe von Vorurteilen geprägt, die bis heute nicht vollständig überwunden sind.
Bisexualität und die Verbindung zu anderen sexuellen Identitäten
Ein weiterer wichtiger Punkt in Wolffs Analyse ist die Beziehung zwischen Bisexualität und anderen sexuellen Identitäten. Sie diskutiert, inwiefern Bisexualität als eine Brücke zwischen Heterosexualität und Homosexualität verstanden werden kann und welche Bedeutung diese Flexibilität der Sexualität für das individuelle Selbstverständnis hat. Wolff führt aus, daß Bisexualität nicht nur eine sexuelle Orientierung ist, sondern auch eine Ausdrucksform von individueller Freiheit und Selbstbestimmung.
Die Komplexität der sexuellen Identität
Wolff unterstreicht, daß sexuelle Identität nicht immer in festen Kategorien beschrieben werden kann. Bisexualität ist dabei besonders schwer zu fassen, weil sie in gewisser Weise gegen die klare Trennung von ”hetero“ und ”homo“ verstößt. Diese Sichtweise hat das Verständnis von Sexualität revolutioniert und den Weg für die heutige Diskussion über sexuelle Vielfalt geebnet.
Rezeption und Kritik des Werkes
Das Buch stieß bei seiner Veröffentlichung auf gemischte Reaktionen. Während es in der wissenschaftlichen Gemeinschaft Anerkennung fand, wurde es von Teilen der Gesellschaft und auch von Teilen der LGBTQ+-Community kritisch betrachtet. Besonders innerhalb der feministisch orientierten Leserschaft gab es Widerstand, da einige der damaligen feministischen Theorien Bisexualität als unzureichend mit den ideologischen Zielen des Feminismus vereinbar erachteten.
Die heutige Relevanz von Wolffs Werk
Trotz dieser kritischen Stimmen hat das Buch von Charlotte Wolff einen bleibenden Einfluß auf das Verständnis von Bisexualität ausgeübt. Es hat dazu beigetragen, Bisexualität als legitime sexuelle Orientierung zu etablieren und die gesellschaftliche Diskussion über sexuelle Vielfalt zu erweitern. Auch wenn sich die gesellschaftliche Wahrnehmung von Bisexualität seitdem weiterentwickelt hat, bleibt Wolffs Werk eine wichtige Grundlage für das heutige Verständnis von Sexualität. Charlotte Wolffs Bisexualität bleibt auch mehr als 50 Jahre nach seiner Veröffentlichung ein bedeutendes Werk, das die Grundlagen für die moderne Diskussion über sexuelle Identitäten gelegt hat. Ihre Analyse der Bisexualität als fließende, komplexe Orientierung, die sich nicht einfach in traditionelle Kategorien einordnen läßt, war zu ihrer Zeit revolutionär und ist auch heute noch von großer Relevanz. Wolffs Arbeit fordert uns auf, über die Begrenzungen von Kategorien hinauszudenken und die Vielfalt menschlicher Sexualität anzuerkennen und zu respektieren.
Literaturquelle
Dieses Archivstück wird neben anderen in folgenden Archivstücken als Literaturquelle angegeben.- AIDS-FORUM D.A.H. - Band XI - Bisexualitäten - Eine Dokumentation zu bisexuellen Lebensstilen und Lebenswelten.
(Wolff, Charlotte, Bisexualität.) - Sexualwissenschaftliche Konzepte der Bisexualität von Männern
(Wolff, C., Bisexualität) - Zeitschrift für Sexualforschung, 16. Jahrgang, Heft 1, März 2003
(Wolff, C., Bisexualität [Bisexuality], Frankfurt am Main, Germany: Goverts.) - Treibsand - Zeitung des ASTA der Uni Bremen, Ausgabe 50, Mai 1986
(Wolff, Charlotte, Bisexualität, Goverts) - Courage - aktuelle Frauenzeitung, Ausgabe Januar 1982
(Wolff, C., Bisexualität)
Hinweis
Bitte beachten Sie, daß die Inhalte von Archivalien nicht mehr dem heutigen Wissensstand oder der aktuellen Rechtslage entsprechen könnten.
letzte Bearbeitung: 22.05.2026
