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                          Die Träumer (The Dreamers)

                          Film: Drama, ArchivID: 274
                          Ein Spielfilm aus dem Jahr 2003. Das Werk des italienischen Regisseurs Bernardo Bertolucci basiert auf mehreren Werken von Gilbert Adair, der auch das Drehbuch schrieb. Vor dem Hintergrund der Unruhen von 1968 in Paris schildert er die erotischen Erfahrungen dreier junger Menschen.
                          Das sinnliche Meisterwerk über die Magie des Paris'68 von Italiens Regie-Ikone und Oscars-Preisträger BERNARDO BERTOLUCCI („Der letzte Kaiser") Paris 1968: In einer Zeit des Aufbruchs, der Liebe und der Leidenschaft treffen sich der Amerikaner Matthew (Michael Pitt) und das Geschwisterpaar Isabelle (Eva Green) und Theo (Louis Gagg auf einer Protestveranstaltung gegen die Entlassung des Leiters der Cinemateque. Sie teilen nicht nur die Liebe zum Film, sondern auch das Verlangen nach sexueller Befreiung. Und da die Eltern für eine Woche verreist sind, laden die Zwillinge Matthew zu einer gemeinsamen Zeit in ihr Zuhause ein. Was als harmloses Filmquiz in der elterlichen Wohnung beginnt, entwickelt sich peu á peu zu einem gefährlichen Spiel um Lust und Begierde. Ohne sich darum zu kümmern, was draußen passiert, lieben und quälen sie sich, entdecken die Freiheit der Sexualität, entblößen nicht nur ihre Körper, sondern auch ihre Seelen. Bis sie die Wirklichkeit unerwartet wieder einholt...
                          Quelle: "Die Träumer", 2003, DVD-Cover

                          Relevanz

                          Weshalb im Bi(-/+)Archiv?! Wo ist der Bezug zur Bisexualität / Multisexualität?

                          Vor allem wegen seiner Darstellung von Begehren jenseits klarer heterosexueller oder homosexueller Zuordnungen relevant, weniger wegen expliziter Identitätsaussagen.

                          Kommentar Bi(-/+) Archiv

                          Zusätzliche Informationen, Hintergrundwissen, Fakten oder Meinungen zu diesem Archivstück.

                          Figurenkonstellation und Ausgangssituation

                          Matthew, ein amerikanischer Student in Paris, begegnet den französischen Zwillingen Isabelle und Théo in einem Kontext cineastischer Leidenschaft. Die Eltern der Zwillinge sind abwesend, sodaß die Wohnung zu einem abgeschlossenen Raum wird, in dem Regeln der Außenwelt suspendiert erscheinen. Die gemeinsame Begeisterung für das Kino fungiert zunächst als verbindendes Element, insbesondere durch ihre intensive Auseinandersetzung mit Filmzitaten, Nachstellungen und der ästhetischen Aneignung von Szenen aus dem klassischen und zeitgenössischen Kino.

                          Diese Beziehung entwickelt sich jedoch nicht in Richtung sozialer Integration, sondern in Richtung einer zunehmenden Isolation. Die Wohnung wird zum experimentellen Raum, in dem Identität nicht stabil ist, sondern performativ erzeugt wird. Die Figuren spiegeln sich in Filmen, ineinander und in ihren eigenen Fantasien.

                          Isolation und Innenraum als Gegenwelt

                          Die Wohnung der Zwillinge fungiert als abgeschlossene Sphäre, in der sich eine eigene Ordnung etabliert. Diese Ordnung ist weniger normativ als experimentell. Sie ersetzt gesellschaftliche Struktur durch intime Radikalität: körperliche Nähe, psychische Abhängigkeit und symbolische Spiele treten an die Stelle politischer oder sozialer Bindungen.

                          Matthew wird in diese Struktur hineingezogen, bleibt jedoch zugleich Fremdkörper. Seine Perspektive ist geprägt von einer Mischung aus Faszination und Distanz. Isabelle und Théo bewegen sich hingegen innerhalb einer Geschwisterbeziehung, die zunehmend ambivalente und schwer eindeutig zu verortende Züge annimmt. Die Grenzen zwischen emotionaler Intimität, Konkurrenz und Identitätsverschmelzung werden zunehmend instabil.

                          Kino als kulturelle Sprache und Identitätsmedium

                          Das Kino bildet im Film nicht nur ein Motiv, sondern eine eigenständige Sprache. Szenen werden nachgestellt, Figuren identifizieren sich mit filmischen Vorbildern, und die Grenze zwischen Repräsentation und gelebter Realität beginnt zu verschwimmen. Filmische Bilder werden zu einem Reservoir, aus dem die Figuren ihre Selbstentwürfe beziehen.

                          Diese Bezugnahme auf das Kino ist jedoch nicht bloß spielerisch. Sie ersetzt in gewisser Weise gesellschaftliche Kommunikation durch ästhetische Selbstinszenierung. Dadurch entsteht eine Verschiebung: Wirklichkeit wird nicht mehr unmittelbar erfahren, sondern durch ein Repertoire kultureller Bilder vermittelt und transformiert.

                          Politische Außenwelt und innere Abgeschlossenheit

                          Während sich außerhalb der Wohnung die Pariser Studentenunruhen entfalten, bleiben die Figuren zunächst weitgehend in ihrer eigenen abgeschlossenen Dynamik gefangen. Die politische Realität dringt nur indirekt in den Innenraum ein, etwa durch Geräusche, Nachrichten oder die allmähliche Veränderung der städtischen Atmosphäre.

                          Diese Distanz ist jedoch nicht stabil. Die Spannung zwischen Innenraum und Außenwelt verschärft sich, je länger die Isolation anhält. Die Wohnung erscheint zunehmend als nicht mehr haltbare Gegenwelt, die sich dem Druck der historischen Ereignisse nicht entziehen kann. Die Figuren werden dadurch vor die Frage gestellt, ob ihre private Utopie überhaupt Bestand haben kann.

                          Zuspitzung der Beziehungen und Zerfall der Ordnung

                          Im Verlauf der Handlung intensivieren sich die Beziehungen zwischen den drei Figuren bis an die Grenze der Selbstauflösung. Die zuvor spielerische Struktur kippt in eine Form existenzieller Abhängigkeit. Körperlichkeit, Eifersucht und emotionale Überforderung treten stärker in den Vordergrund.

                          Die Geschwisterbeziehung zwischen Isabelle und Théo wird dabei zunehmend konfliktgeladen und destabilisiert. Matthew wird gleichzeitig Teil und Beobachter dieser Dynamik, ohne je vollständig integriert zu sein. Die Grenzen zwischen Beobachtung, Teilnahme und Vereinnahmung verschwimmen.

                          Die Wohnung als geschlossener Raum verliert dabei ihre Funktion als Schutzraum und wird zu einem Ort der Überhitzung sozialer und psychischer Prozesse.

                          Auflösung und Öffnung in die Außenwelt

                          Die Eskalation der inneren Spannungen fällt zeitlich mit der politischen Eskalation außerhalb zusammen. Als die Pariser Unruhen ihren Höhepunkt erreichen, werden die Figuren gezwungen, ihre abgeschlossene Welt zu verlassen. Die äußere Realität bricht endgültig in den Innenraum ein und zerstört dessen fragile Autonomie.

                          Die Auflösung der Konstellation ist dabei nicht nur sozial, sondern auch symbolisch zu verstehen. Die zuvor stabil scheinende Einheit der Dreierbeziehung zerfällt unter dem Druck äußerer Ereignisse, aber auch aufgrund ihrer inneren Widersprüche.

                          Schlußbetrachtung

                          „Die Träumer“ zeigt keine lineare Entwicklung im klassischen Sinn, sondern die sukzessive Erosion einer abgeschlossenen Erfahrungswelt. Der Film untersucht die Möglichkeit, dass intime Räume gegen die historische Realität abgeschirmt werden können, und kommt zu dem Ergebnis, daß diese Abschirmung nur vorübergehend stabil bleibt.

                          Die Figuren bewegen sich zwischen politischer Geschichte und privater Utopie, zwischen kultureller Aneignung und unmittelbarer Erfahrung. In dieser Spannung entfaltet sich der zentrale Konflikt des Films: die Unmöglichkeit, eine rein private Welt aufrechtzuerhalten, ohne daß die äußere Geschichte sie schließlich durchdringt und transformiert.

                          [ GPT & Hannah ]

                          ArchivID

                          274

                          Originaltitel

                          The Dreamers

                          Kategorie

                          Film -> Drama

                          Ursprungsland

                          Italien

                          Sprache

                          Deutsch

                          Jahr

                          2003

                          Spieldauer

                          115 min

                          Darsteller* / Darstellerin*

                          Anna Chancellor (Mutter);
                          Louis Garrel (Théo);
                          Eva Green (Isabelle);
                          Jean-Pierre Lèaud (Jean-Pierre Lèaud);
                          Michael Pitt (Matthew);
                          Robin Renucci (Vater);

                          Drehbuch

                          Gilbert Adair
                          🪦

                          Kamera

                          Fabio Cianchetti

                          Produktionsland

                          Frankreich; Großbritannien; Italien;

                          Regie

                          Bernardo Bertolucci
                          🪦

                          Schnitt / Montage

                          Jacopo Quadri

                          Synchronsprecher* / Synchronsprecherin*

                          Alexander Doering (Théo);
                          Manja Doering (Isabelle);
                          Evelyn Maron (Mutter);
                          🪦
                          Norman Matt (Matthew);
                          Friedhelm Ptok (Jean-Pierre Lèaud);
                          🪦
                          Stephan Schwartz (Vater);

                          Im Bi(-/+) Archiv seit dem

                          02.11.2017

                          Im Bi(-/+) Archiv veröffentlicht

                          24.04.2020

                          FSK
                          FSK 16
                          Bildformat
                          16:9
                          Sound
                          DD 5.1

                          Archiviertes Format

                          DVD
                          DVD

                          Stichworte

                          #2003 #Abhängigkeit #Ambiguität #Begehren #Bisexualität #Dreiecksbeziehung #Identitätsentwicklung #Multisexuell #Polyamory #Selbstfindung #sexuelle Fluidität
                          Shortlink: https://biurl.org/!a274
                          L: BS (1)
                          letzte Bearbeitung: 29.06.2026
                          <<< Film: Henry & June
                          Film: Die Spiele der Frauen >>>
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