Bi(-/+)Archiv
Broschüren, Studien, Flyer, Photo's, Zeitschriften, Filme, Bücher zum Thema Bisexualität / Multisexualität.
Identitätsbildung, Identitätsverwirrung, Identitätspolitik
Buch: Konferenzschrift, Bericht, Sachbuch, ArchivID: 29
Eine psychologische Standortbestimmung für Lesben, Schwule und andere.
Dokumentation des Fachkongresses vom 30.10. - 1.11.1997 veranstaltet vom Verband lesbischer Psychologinnen und schwuler Psychologen in Deutschland e.V. (VLSP) sowie der Deutschen AIDS-Hilfe e.V. in Mannheim.
Relevanz
Weshalb im Bi(-/+)Archiv?! Wo ist der Bezug zur Bisexualität / Multisexualität?Enthält eine Reihe von Studienergebnissen der Dissertation "Bisexual identities" des US-amerikanischen Psychologen Ronald C. Fox, welche er 1993 am California Institute of Integral Studies einreichte. Thema Bisexualität und Lebenswege/Selbstfindung.
Kommentar Bi(-/+) Archiv
Zusätzliche Informationen, Hintergrundwissen, Fakten oder Meinungen zu diesem Archivstück.Die Dokumentation hatte einen Fachkongreß zum Gegenstand, der sich der Frage von Identitätsbildung, Identitätsverwirrung und Identitätspolitik im Kontext lesbischer, schwuler und anderer nicht-heteronormativer Lebensweisen widmete. Bereits im einführenden Überblick wurde deutlich, daß „Identität“ nicht mehr als stabile, eindeutig bestimmbare Kategorie verstanden worden war, sondern als ein dynamisches Gefüge biographischer Deutungen, sozialer Zugehörigkeiten und kultureller Praktiken. Die klassische Vorstellung, Identität ließe sich über messbare Variablen – etwa Verhalten oder Präferenzen – bestimmen, wurde zugunsten eines offenen, lebensweltlich orientierten Ansatzes zurückgewiesen. Stattdessen trat ein Verständnis hervor, das Identität als ein „Patchwork“ begriff, als ein fortwährendes Zusammenfügen heterogener Erfahrungen unter historischen Bedingungen.
Die Verschiebung von monosexuellen zu multisexuellen Konzepten
Innerhalb dieses offenen Identitätsverständnisses gewann insbesondere die Kritik an monosexuellen Kategorien – also der eindeutigen Zuordnung zu „heterosexuell“ oder „homosexuell“ – an Bedeutung. Beiträge wie jene zur „Multisexualität“ stellten die bis dahin dominierende binäre Logik grundsätzlich infrage. Multisexualität wurde nicht bloß als Randphänomen begriffen, sondern als Hinweis darauf, dass sexuelle Identität selbst ein Kontinuum darstellte, das sich situativ, biographisch und sozial unterschiedlich ausprägen konnte. Die Diskussion „Sind wir die letzten Monosexuellen?“ verdeutlichte, daß sich bereits Ende der 1990er Jahre eine epistemische Verschiebung abzeichnete: weg von festen Identitätskernen, hin zu fluiden, pluralen Begehrensformen.
Bisexualität als Herausforderung normativer Identitätsordnungen
Besondere Aufmerksamkeit erhielt die Bisexualität, die im Rahmen des Kongresses sowohl empirisch als auch biographisch reflektiert worden war. Der Beitrag „Coming-out bisexual“ sowie weitere empirische Materialien zeigten, daß bisexuelle Identitäten in doppelter Hinsicht marginalisiert gewesen waren: einerseits innerhalb einer heterosexistischen Mehrheitsgesellschaft, andererseits innerhalb homosexueller Subkulturen, die selbst zur Stabilisierung klarer Identitätsgrenzen tendierten. Bisexualität erschien damit nicht lediglich als eine zusätzliche Kategorie, sondern als eine Störung der Ordnung selbst – als ein Phänomen, das die Annahme eindeutiger Zugehörigkeit unterlief.
Gerade in dieser Ambivalenz lag ihre theoretische Bedeutung: Bisexualität machte sichtbar, daß Identität nicht aus der Ausschließlichkeit eines Begehrens hervorging, sondern aus dessen Deutung. Die Notwendigkeit eines „Coming-outs“ verweist dabei nicht auf ein inneres Wesen, das enthüllt wird, sondern auf einen sozialen Prozeß der Anerkennung und Zuschreibung. Insofern wurde Bisexualität zum Prüfstein für die Frage, ob Identitätspolitik auf Stabilisierung oder auf Öffnung zielte.
Identität zwischen Subkultur und gesellschaftlicher Norm
Die Beiträge des Sammelbandes zeigten ferner, daß sich Identitätsbildung stets im Spannungsfeld zwischen gesellschaftlicher Norm und subkultureller Gegenordnung vollzogen hatte. Für bisexuelle und multisexuelle Menschen bedeutete dies eine besonders prekäre Position: Während heteronormative Strukturen klare Erwartungen formulierten, reproduzierten auch lesbische und schwule Gemeinschaften häufig implizite Normen der Eindeutigkeit. Bisexualität geriet so in eine Zwischenlage, die weder vollständig inkludiert noch eindeutig ausgeschlossen werden konnte.
Diese Zwischenstellung wurde nicht nur als Defizit beschrieben, sondern auch als Möglichkeit: als Ort, an dem sich neue Formen von Identität und Gemeinschaft denken ließen, die nicht mehr auf Abgrenzung, sondern auf Überschneidung beruhten.
Psychosoziale Dimensionen und politische Implikationen
Im Kontext von HIV/AIDS-Prävention und psychosozialer Arbeit wurde die Bedeutung von Identität besonders deutlich. Die enge Verbindung zwischen Selbstverständnis, Risikoverhalten und sozialer Einbindung führte dazu, daß identitätsstärkende Ansätze als zentral galten. Für bisexuelle Menschen bedeutete dies jedoch, daß sie oft durch Raster fielen, die auf eindeutig definierte Zielgruppen zugeschnitten waren. Die Dokumentation ließ erkennen, daß Präventionsarbeit, die sich auf stabile Identitätskategorien stützte, multisexuelle Lebensrealitäten nur unzureichend erfassen konnte.
Daraus ergab sich eine implizite Kritik an identitätspolitischen Strategien jener Zeit: Wenn politische und gesundheitliche Maßnahmen an klar umrissene Gruppen gebunden waren, drohten jene unsichtbar zu bleiben, deren Lebensweisen sich dieser Eindeutigkeit entzogen.
Bisexualität als Ausdruck einer „Patchwork-Identität“
Im theoretischen Horizont der sogenannten Patchwork-Identität erschien Bisexualität schließlich als paradigmatischer Fall moderner Subjektivität. Sie verkörperte das, was als charakteristisch für spätmoderne Gesellschaften beschrieben worden war: die Notwendigkeit, disparate Erfahrungen zu integrieren, ohne sie in eine endgültige Form zu bringen. Identität wurde hier nicht mehr als Antwort verstanden, sondern als fortdauernde Frage.
In diesem Sinne hatte die Dokumentation nicht einfach neue Kategorien eingeführt, sondern die Kategorie selbst problematisiert. Bisexualität und Multisexualität standen exemplarisch für eine Bewegung, in der sich Identität von ihrer vermeintlichen Natur löste und als historisches, soziales und politisches Geschehen sichtbar wurde.
Hinweis
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ArchivID
29
Kategorie
Buch -> Konferenzschrift, Bericht, Sachbuch
Ursprungsland
Bundesrepublik Deutschland (BRD)
Sprache
Deutsch
Jahr
1997
Seiten
197
Auflage
1
ISBN-10
3-930-42532-7
ISBN-13
Autor* / Autorin*
Dr. phil. Armin Bader;
Prof. Dr. Henning Bech;
Ulrich Biechele;
Dr. Michael Bochow;
Corinna Gekeler;
Prof. Dr. phil. Sabine Hark;
Jörg Hutter;
Dr. Angela Kühner;
Karl Lemmen;
Uli Meurer;
Margret Reipen;
Jutta Schepers;
Prof. Dr. Melanie Caroline Steffens;
Dr. Lüder Tietz;
Holger Walther;
Herausgeber* / Herausgeberin*
Ulrich Biechele
Layout
Lektorat
Klaus-Dieter Beißwenger;
Redaktion
Karl Lemmen;
Umschlagentwurf / Titelbild
Unterstützung
Im Bi(-/+) Archiv seit dem
06.12.2015
Im Bi(-/+) Archiv veröffentlicht
24.01.2018
Archiviertes Format
Stichworte
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