Bi(-/+)Archiv
Broschüren, Studien, Flyer, Photo's, Zeitschriften, Filme, Bücher zum Thema Bisexualität / Multisexualität.
ArchivID
30
Originaltitel
Sexual Preference: A Study of its Development Among Men and Women
Kategorie
Ursprungsland
Vereinigte Staaten von Amerika (USA)
Sprache
Deutsch
Jahr
1981
Seiten
431
ISBN-10
3-453-01710-2
ISBN-13
Autor* / Autorin*
Alan P. Bell;
Martin S. Weinberg;
Übersetzer* / Übersetzerin*
Theodor A. Knust
Verlag
Im Bi(-/+) Archiv seit dem
04.12.2015
Im Bi(-/+) Archiv veröffentlicht
27.01.2018
Archiviertes Format
Stichworte
#1980 #Biografieforschung #Biographien #Heteronormativität #Interview #Kinsey- Institut #Kinsey- Report #Psychologie #Sexualforschung #sexuelle Aufklärung #sexuelle Identität #sexuelle OrientierungDer Kinsey Institut Report über sexuelle Orientierung und Partnerwahl (Sexual Preference: A Study of its Development Among Men and Women)

Das berühmte, von Alfred Kinsey gegründete Institut für Sexualforschung legte mit diesem Buch eine umfassende Studie zum Thema vor, die erste breitangelegte empirische Untersuchung, die es dazu überhaupt gab. Nie zuvor wurden 1500 Männer und Frauen so detailliert nach ihren sexuellen Erfahrungen in Kindheit und Adoleszenz, ihren Beziehungen zu den Eltern, dem Verhältnis der Eltern untereinander, nach der sexuellen Einstellung ihrer Umgebung befragt. Und nie zuvor wurde das umfangreiche Informationsmaterial derart kritisch unter Verwendung neuester statistischer Methoden ausgewertet. Die Resultate dieses vierten Kinsey-Reports waren ebenso aufsehenerregend wie fundiert. Die Ergebnisse dieses auch für alle Eltern und Jugendlichen wichtigen Themas widerlegten gängige Auffassungen und Vorurteile und plädierten für Toleranz gegenüber sexueller Verschiedenartigkeit - sie hatten weitreichende Konsequenzen für unser Verständnis der Geschlechterüberhaupt. Die Autoren: Alan R Bell, Vorsitzender des amerikanischen Rates für Sexualforschung, Martin S. Weinberg, Professor für Soziologie an der Universität von Indiana, und die Soziologin Sue K. Hammersmith waren Mitarbeiter des Instituts für Sexualforschung, das sich der Arbeit und dem Ethos Alfred Kinseys verpflichtet fühlt.
Sexual Preference: A Study of its Development Among Men and Women ist eine empirisch-sozialwissenschaftliche Studie zur Entwicklung sexueller Orientierung im Lebensverlauf. Es basiert auf Interviewmaterial und versucht, biografische Faktoren (Familie, Kindheit, soziale Umgebung, erste sexuelle Erfahrungen) mit späteren sexuellen Präferenzstrukturen zu korrelieren. Im Zentrum steht die Frage nach der Stabilität oder Veränderbarkeit sexueller Orientierung über die Zeit. Im Mittelpunkt steht die Frage nach der Entstehung stabiler heterosexueller und homosexueller Präferenzen unter Einbezug biografischer, familiärer und sozialer Einflußfaktoren. Bisexualität erscheint im Material überwiegend als selten stabilisierte oder situativ interpretierte Zwischenform innerhalb eines primär binär strukturierten Modells sexueller Orientierung. Das Werk markiert einen Übergang von der reinen Verhaltensbeschreibung der Kinsey-Studien hin zu entwicklungspsychologischen Erklärungsansätzen, bleibt jedoch in seiner kategorialen Systematik historisch begrenzt und aus heutiger Sicht teilweise unterkomplex in der Erfassung nicht-binärer sexueller Identitäten.
Relevanz
Weshalb im Bi(-/+)Archiv?! Wo ist der Bezug zur Bisexualität / Multisexualität?Die Relevanz für das Bi(-/+) Archiv liegt weniger im normativen Gehalt des Buches, sondern in seiner wissenschaftshistorischen Funktion innerhalb der Konstruktion von „Nicht-Binarität“ sexueller Orientierung.
Dokumentation eines binären Forschungsregimes
Das Werk zeigt sehr klar, wie Sexualwissenschaft der späten 1970er / frühen 1980er Jahre sexuelle Orientierung überwiegend als zweigeteiltes System (hetero/homo) modelliert hat. Bisexualität erscheint darin nicht als gleichrangige Kategorie, sondern als Übergangs-, Misch- oder Instabilitätszone. Für das Bi(-/+) Archiv ist dies relevant, weil hier sichtbar wird, wie wissenschaftliche Systeme selbst Unsichtbarkeit produzieren.
Historische Sichtbarkeit und gleichzeitige Marginalisierung von Bisexualität
Bisexualität ist im Material zwar faktisch vorhanden (über Lebensgeschichten und Verhalten), wird aber analytisch häufig nicht als stabile Identität anerkannt. Genau diese Spannung ist archivisch zentral: Sie dokumentiert, daß Bi+-Realitäten existierten, aber begrifflich nicht vollständig erfaßt wurden. Das macht das Werk zu einem Beleg für epistemische Lücken, nicht nur für Inhalte.
Übergang von Verhalten zu Entwicklungstheorien
Das Buch ist ein wichtiger Schritt weg von reiner Verhaltensstatistik (Kinsey) hin zu Entwicklungsmodellen sexueller Orientierung. Es wurde hier erstmals stärker nach biografischer Genese statt nur nach sexueller Praxis gefragt wird – ein Ansatz, der später auch für die Diskussion um fluidere Identitätsmodelle wichtig wurde.
Quellenwert für Kritik und Rekonstruktion von Bi+-Geschichte
Das Werk ist heute weniger als „gültige Erklärung“ relevant, sondern als:
- Beleg historischer Kategorisierungslogiken
- Material für Kritik an binären Modellen
- Ausgangspunkt für die Rekonstruktion unsichtbarer oder untererfaßter Bi+-Lebensrealitäten
Einordnung im Archivkontext
Für das Bi(-/+) Archiv ist der zentrale Wert nicht die Aussage „wie Sexualität ist“, sondern die dokumentierbare Tatsache: wie wissenschaftliche Systeme Bi+ Identitäten entweder nicht benennen oder nur als Abweichung innerhalb binärer Ordnung sichtbar machen.
Damit wird das Werk selbst zu einem Meta-Dokument: Es zeigt weniger Bi+-Realität direkt, sondern die Bedingungen ihrer historischen (Un-)Sichtbarkeit.
Kommentar Bi(-/+) Archiv
Zusätzliche Informationen, Hintergrundwissen, Fakten oder Meinungen zu diesem Archivstück.Historische Vergangenheit: Inhaltliche Anlage, Befunde und Argumentationsgang des Werkes
Das Werk Sexual Preference: A Study of its Development Among Men and Women steht historisch am Übergang zwischen der klassischen Kinsey-Tradition der reinen Verhaltensbeschreibung und einer stärker entwicklungspsychologischen Modellbildung sexueller Orientierung. Im Zentrum des historischen Textes steht die Frage, wie sich sexuelle Präferenzen im Lebensverlauf ausbilden, stabilisieren oder verändern, wobei die Autoren ausdrücklich versuchen, nicht nur das sexuelle Verhalten selbst, sondern dessen biografische Genese zu erfassen. Die empirische Grundlage besteht aus Interviewdaten mit Männern und Frauen unterschiedlicher sexueller Orientierung, ergänzt durch retrospektive Angaben zu Kindheit, Jugend, ersten sexuellen Erfahrungen und sozialen Kontexten.
Im Verlauf der Darstellung wird Sexualität als ein relativ stabiles, früh geprägtes und nur begrenzt variierendes Muster beschrieben. Die Autoren rekonstruieren Entwicklungsverläufe, in denen homosexuelle und heterosexuelle Orientierung überwiegend als konsistente Lebenslinien erscheinen, die sich bereits vor oder während der Adoleszenz herausbilden. Dabei wird besonderes Gewicht auf die Frage gelegt, welche familiären Strukturen, sozialen Umfelder oder frühen Erfahrungen mit der späteren Orientierung korrelieren. Die Argumentation bewegt sich dabei deutlich weg von rein situativen Erklärungen hin zu einer Vorstellung von relativ stabilen Dispositionen, die sich im Laufe der Entwicklung lediglich ausprägen, nicht jedoch grundlegend neu formen.
Im Kontext von Bisexualität ist die historische Darstellung auffällig restriktiv. Die Studie erkennt zwar vereinzelt Personen mit gemischten sexuellen Erfahrungen, interpretiert diese jedoch häufig nicht als stabile bisexuelle Identität, sondern als Übergangsphänomene, situative Konstellationen oder Ausdruck experimentellen Verhaltens in bestimmten Lebensphasen. Eine konsolidierte, dauerhafte bisexuelle Orientierung wird in der damaligen Auswertung nur selten als eigenständige, stabile Kategorie sichtbar gemacht. Vielmehr dominiert eine binäre Struktur aus hetero- und homosexuellen Entwicklungsverläufen, innerhalb derer Bisexualität eher als inkonsistenter Zwischenbereich erscheint, der sich statistisch schwer stabilisieren läßt.
Die Ergebnisse werden in einer Sprache präsentiert, die stark von dem Versuch geprägt ist, Ordnung in ein heterogenes Datenfeld zu bringen. Sexualität erscheint dabei als etwas, das zwar vielfältig gelebt wird, sich aber in der analytischen Verdichtung in relativ klaren Hauptkategorien bündeln läßt. Diese Verdichtung ist zugleich der Punkt, an dem die historische Argumentation ihre eigene Grenze markiert: Die Komplexität biografischer Sexualität wird zugunsten modellhafter Stabilität reduziert, wodurch insbesondere fließende oder nicht-binäre Identitätsformen nur eingeschränkt sichtbar bleiben.
Methodische Einordnung, epistemische Grenzen und heutige Bewertung
Aus heutiger wissenschaftlicher Perspektive erscheint das Werk als ein typisches Produkt seiner Zeit, das einerseits einen bedeutenden methodischen Fortschritt gegenüber der reinen Kinsey-Beschreibung darstellt, andererseits aber an strukturellen Grenzen der damaligen Sexualforschung festhält. Der zentrale Erkenntnisanspruch – die relative Stabilität sexueller Orientierung über die Lebensspanne hinweg – wird heute teilweise bestätigt, jedoch zugleich stark differenziert. Moderne Forschung geht davon aus, daß Orientierung zwar häufig stabil ist, aber nicht in allen Fällen strikt unveränderlich, und daß insbesondere Kategorien wie Bisexualität nicht als Randphänomen, sondern als eigenständiges, heterogenes Spektrum verstanden werden müssen.
Die Behandlung von Bisexualität im Werk ist aus heutiger Sicht einer der kritischsten Punkte. Die Studie operiert implizit mit einem Modell, in dem sexuelle Orientierung primär als binäre Struktur gedacht wird, während Zwischenformen als statistisch instabile oder interpretativ unklare Zustände erscheinen. Dadurch entsteht eine epistemische Unsichtbarkeit stabiler bisexueller Lebensrealitäten, die weniger an der empirischen Realität selbst scheitert als an der damaligen Kategoriensystematik und Auswertungslogik. Neuere Forschung in der Sexualwissenschaft und Sozialpsychologie zeigt hingegen, daß bisexuelle Identifikationen sowohl stabil als auch identitätsbildend sein können und nicht notwendig als Übergangsphasen interpretiert werden müssen.
Methodisch bleibt das Werk zugleich ein wichtiger Referenzpunkt, weil es früh versucht, Entwicklungsverläufe systematisch zu modellieren und biografische Faktoren in die Analyse sexueller Orientierung einzubeziehen. Die retrospektive Interviewstruktur ermöglicht dichte biografische Rekonstruktionen, ist jedoch anfällig für Erinnerungsverzerrungen und soziale Erwünschtheit, was die Aussagekraft insbesondere in sensiblen Bereichen wie Sexualität einschränkt. Die Stichprobenstruktur und die historische Kontextabhängigkeit der Daten führen zusätzlich dazu, daß bestimmte Gruppen systematisch unter- oder überrepräsentiert sein können.
In der Gesamteinordnung bleibt das Werk damit ambivalent: Es ist einerseits ein Schlüsseltext der frühen empirischen Sexualforschung nach Kinsey, der die Frage nach der Entstehung sexueller Orientierung überhaupt erst systematisch in den Mittelpunkt rückt. Andererseits reproduziert es epistemische Engführungen, insbesondere im Umgang mit Bisexualität, indem es ein Modell stabiler, weitgehend binärer Orientierungen implizit bevorzugt. Es ist daher weniger als abschließende Wahrheit relevant, sondern vielmehr als historisches Dokument eines wissenschaftlichen Blicks, der bestimmte Formen sexueller Vielfalt bereits sichtbar machen wollte, sie jedoch noch nicht begrifflich vollständig erfassen konnte.
Literaturquelle
Dieses Archivstück wird neben anderen im folgendem Archivstück als Literaturquelle angegeben.- Sexualwissenschaftliche Konzepte der Bisexualität von Männern
(Bell, A.P.; Weinberg, M.S., Der Kinsey- Institut-Report über sexuelle Orientierung und Partnerwahl.)
Hinweis
Bitte beachten Sie, daß die Inhalte von Archivalien nicht mehr dem heutigen Wissensstand oder der aktuellen Rechtslage entsprechen könnten.
letzte Bearbeitung: 31.05.2026
