Bi(-/+)Archiv
Broschüren, Studien, Flyer, Photo's, Zeitschriften, Filme, Bücher zum Thema Bisexualität / Multisexualität.
ArchivID
32
Kategorie
Autor* / Autorin*
Ulrike Heller;
Illustration
Addi Keil
Redaktion
Datenstand dieser Publikation
22.03.2001
Im Bi(-/+) Archiv seit dem
15.11.2015
Im Bi(-/+) Archiv veröffentlicht
03.02.2018
Archiviertes Format
Noch gesuchtes Format
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Stichworte
#2001 #Äußeres Coming-out #Bi-Bewegung #Bibliographie #BiJou #BiNe e.V. #Bisexualität #Bisexuelles Journal #Coming-out #Ehrenamt #Inneres Coming-out #Konversionstherapie #LoBBi #Polyamory #Religion #Selbstfindung #Selbstorganisation #Treffen #VereinBiJou 17 - Bisexuelles Journal, Ausgabe 17, 03/2001

© BiNe e.V.
Das Archivstück ist eine Ausgabe des „bijou – Bisexuelles Journal“, konkret Heft 17 aus dem März/April 2001. Es handelt sich um ein Szenemagazin aus dem Umfeld des Bisexuellen Netzwerks BiNe e.V., das nicht kommerziell, sondern gemeinschaftlich und ehrenamtlich produziert wurde. In seiner Form war es eine Mischung aus politischem Rundbrief, Vereinszeitschrift und kulturellem Magazin. Es diente weniger der neutralen Berichterstattung als der Selbstverständigung einer sozialen Bewegung.
Die Ausgabe bündelte drei zentrale Themenfelder: Erstens die Organisation der Community (Treffen, Arbeitsgruppen, interne Strukturen), zweitens die gesellschaftliche und politische Einordnung von Bisexualität (z.B. rechtliche Debatten, Kritik an Normen von Zweierbeziehungen), und drittens die individuelle Erfahrung (Outing, Beziehungen, innere Konflikte). Ergänzt wurde dies durch kulturelle Beiträge und internationale Beobachtungen, etwa zur Konversionstherapie in den USA. Diese Kombination verlieh dem Heft den Charakter eines umfassenden Selbstporträts einer Bewegung im Werden.
Das Heft entstand in einer Phase, in der zentrale rechtliche Veränderungen stattfanden (z.B. die Einführung der eingetragenen Lebenspartnerschaft in Deutschland) und zugleich neue Formen von Community-Bildung entstanden. Die Kommunikation lief noch stark über Print, Mailinglisten und persönliche Treffen. Das Dokument spiegelt daher eine Übergangszeit: zwischen analoger Vernetzung und beginnender digitaler Öffentlichkeit, zwischen Unsichtbarkeit und wachsender politischer Artikulation.
Relevanz
Weshalb im Bi(-/+)Archiv?! Wo ist der Bezug zur Bisexualität / Multisexualität?Als Archivstück läßt sich das Heft als zeittypisches Dokument der deutschsprachigen Bi-Community um die Jahrtausendwende verstehen. Es bewahrt Spuren einer Phase, in der Bisexualität innerhalb der LSBTI*-Bewegung noch um Sichtbarkeit, Anerkennung und eigene Strukturen rang. Die Texte zeigen, wie sich eine vergleichsweise kleine, verstreute Gruppe organisatorisch vernetzte, eigene Begriffe entwickelte und sich politisch positionierte. Damit dokumentiert das Heft nicht nur Inhalte, sondern auch Praktiken: Treffen organisieren, Öffentlichkeitsarbeit leisten, Räume schaffen, Konflikte austragen.
Kommentar Bi(-/+) Archiv
Zusätzliche Informationen, Hintergrundwissen, Fakten oder Meinungen zu diesem Archivstück.Das Heft zeigte sich als Wiederbeginn nach einer längeren Phase der Unregelmäßigkeit. Die Redaktion erklärte offen, daß das Blatt beinahe verstummt wäre, und stellte dem Stillstand den Anspruch entgegen, die bisexuelle Öffentlichkeit wieder mit Texten, Debatten und praktischen Hinweisen zu versorgen. Inhaltlich bewegte sich die Ausgabe zwischen Selbstverständigung, politischer Sichtbarkeit, Community-Organisation und der Frage, wie Bisexualität im Alltag, in Literatur, in Beziehungen und in öffentlichen Räumen getragen werden konnte. Das Heft war damit weniger bloß ein Magazin als ein Stück organisierter Selbstbehauptung.
Redaktioneller Auftakt
Der Auftakt war von einem fast trotzig-heiteren Ton getragen: Das Blatt sei nicht endgültig gestorben, sondern zurückgekehrt. Die Redaktion machte daraus kein triumphales Pathos, sondern eher eine nüchterne Wiederaufnahme der Arbeit. Zugleich wurde sichtbar, daß die Ausgabe aus älterem und neuerem Material bestand und sich als Geschenk an die Lesenden verstand. Das Heft kündigte außerdem an, daß das BiJou wieder regelmäßig erscheinen solle, und bat die Community ausdrücklich um Beiträge, Geschichten und Gedichte. Damit stand am Anfang nicht nur eine redaktionelle Mitteilung, sondern ein öffentliches Bekenntnis zur Fortsetzung gemeinsamer Arbeit.
Wir stellen uns vor: Die AG Seminarorganisation
Der Beitrag zur AG Seminarorganisation beschrieb sehr konkret, wie bundesweite Bi-Treffen seit den frühen 1990er Jahren vorbereitet und getragen wurden. Er zeigte eine Arbeitsteilung, die weit über bloße Logistik hinausging: Material beschaffen, Räume vorbereiten, Workshops begleiten, Krisen auffangen, Veranstaltungen nachbereiten und zugleich dafür sorgen, daß die Treffen nicht nur funktionieren, sondern auch eine Atmosphäre von Zugehörigkeit erzeugen. Der Text machte deutlich, daß hinter den Treffen ein dauerhaftes ehrenamtliches Geflecht stand, das Verantwortung, Organisation und emotionale Aufmerksamkeit miteinander verbinden mußte. Zugleich wurde auch die Frage sichtbar, nach welchen Kriterien Teilnahmewünsche berücksichtigt oder zurückgestellt wurden, was den begrenzten Charakter solcher Räume ebenso zeigte wie ihre soziale Bedeutung.
Orchideen im Dschungel gesucht. Bi-Belletristik.
Der Literaturbeitrag verstand bisexuelle Belletristik als etwas Seltenes, aber gerade deshalb Wertvolles. Die Metapher der „Orchideen“ in einem „Dschungel“ aus hetero- und homoliterarischen Erzählungen beschrieb nicht bloß einen Mangel an Sichtbarkeit, sondern auch die Entdeckung eines erstaunlich reichen, wenn auch zerstreuten Bestands. Der Text erklärte, daß die Aufnahme von Figuren mit Beziehungen zu mehr als einem Geschlecht nicht nur Repräsentation bedeute, sondern auch einen Raum für Auseinandersetzung, Vorbilder und Reibung eröffne. Zugleich bot er eine kommentierte Bibliographie, die als Arbeitsmittel für eine bisexuelle Lesekultur diente. Die hier versammelten Romane waren weniger als bloße Titelreihe gemeint denn als Hinweis darauf, daß bisexuelle Erfahrung in der Literatur nicht randständig, sondern in vielfältigen Formen vorhanden war.
„Goldene Regeln“ für die LoBBi
Der Text über die LoBBi formulierte Verhaltensregeln für einen sexualitätsbezogenen Begegnungsraum und tat dies mit einer Mischung aus Pragmatismus und Schutzanspruch. Im Mittelpunkt standen Einvernehmlichkeit, Rücksicht, Safer Sex, Diskretion und die klare Anerkennung persönlicher Grenzen. Der Beitrag machte deutlich, daß Sexualität in sozialen Räumen nicht einfach freigesetzt werden darf, sondern einer Form bedurfte, welche die Beteiligten vor Übergriffen, Gerede und Grenzverletzungen schützt. Gerade dieser ordnende Gestus verlieh dem Text sein Gewicht: Er verstand Lust nicht als Gegensatz zur Regel, sondern als etwas, das erst durch Respekt vor den Beteiligten überhaupt verantwortbar wurde.
Zwischen allen Stühlen
Dieser persönliche Bericht beschrieb den Weg von innerer Unsicherheit zu einer ruhigeren, selbstverständlicheren Haltung. Die Erzählerin schilderte, wie sie sich zunächst zwischen familiären Erwartungen, alltäglicher Ignoranz und dem eigenen Bedürfnis nach Wahrheit gefangen gefühlt hatte. Im Verlauf des Textes wurde deutlich, daß das Outing im Beruf und gegenüber der Familie nicht zu Katastrophen, sondern zu einer nüchterneren Form von Akzeptanz geführt hatte. Der entscheidende Gedanke war dabei nicht die Sonderstellung der Bisexualität, sondern ihre Einordnung ins gewöhnliche Leben: nicht als Ausnahme, sondern als Teil der eigenen Person. Der Text endete mit einer leisen Verschiebung der Perspektive: Nicht auf dem „richtigen Stuhl“ zu sitzen, sondern auf dem Boden mehr Platz zu haben, hieß hier, sich von den normativen Sitzordnungen der Gesellschaft zu lösen.
LeiDfaden. Lust und Frust eines Aktiven.
Der Erfahrungsbericht eines Aktiven zeichnete die Kehrseite von Szenearbeit nach. Er erzählte von Engagement, von gewachsenen Gruppenstrukturen, von Aufbauarbeit und von der Last, die auf wenigen Schultern liegen konnte. Der zentrale Gedanke war die Spannung zwischen Konsum und Mitwirkung: Viele profitierten von Veranstaltungen, doch nur wenige trugen die organisatorische Arbeit dauerhaft. Der Text machte an einem gescheiterten Treffen und an der finanziellen wie emotionalen Vorleistung deutlich, wie verletzlich ehrenamtliche Infrastruktur war. Zugleich blieb er nicht bei Klage stehen, sondern fragte grundsätzlich, für wen solche Angebote eigentlich gemacht wurden und ob eine Szene, die von wenigen getragen wurde, auf Dauer stabil bleiben konnte.
Der Kirchentag wird Bi.
Der Beitrag zum Kirchentag beschrieb den Versuch, auf einem großen öffentlichen Forum bisexuelle Präsenz herzustellen. Der Kirchentag wurde als weit ausgreifender gesellschaftlicher Raum verstanden, in dem religiöse, soziale und politische Gruppen nebeneinander auftraten. Der Text machte deutlich, daß bisexuelle Sichtbarkeit dort bislang fehlte und nun erst erkämpft werden mußte. Zugleich zeigte er den praktischen Charakter solcher Beteiligung: Es ging nicht nur um Symbolik, sondern um Standfläche, Mitarbeit und personelle Besetzung. Die Teilnahme wurde damit als Teil einer größeren öffentlichen Auseinandersetzung gelesen, in der Bisexualität nicht im Privaten verbleiben sollte.
Bisexuelles Netzwerk: „Rot-grünes Gesetz erkennt auch Mehrfachbeziehungen rechtlich an“
Der Text kommentierte die damalige Debatte um die eingetragene Lebenspartnerschaft und zog daraus eine weitergehende Forderung: Nicht nur Paare, sondern auch Mehrfachbeziehungen sollten rechtlich mitgedacht werden. Der Beitrag argumentierte, daß gesellschaftliche Wirklichkeit und juristische Form einander nicht länger ausschließen dürften. In dieser Perspektive wurde Bisexualität nicht auf eine private Vorliebe reduziert, sondern als Anlaß, die Vorstellung von Partnerschaft, Verantwortung und rechtlicher Anerkennung grundsätzlich zu erweitern. Der Text war damit politisch zugespitzt und zugleich typisch für das Heft: Er verband bi-spezifische Interessen mit einer allgemeineren Kritik an den engen Grenzen sozialer Ordnung.
Netzteil: Meldungen, Termine und Arbeitsfelder
Der Netzteil-Teil sammelte kurze Nachrichten aus dem Umfeld von BiNe. Darin erschienen gewerkschaftliche Vernetzung, Veranstaltungshinweise, neue Arbeitsgruppen, regionale Ansprechpersonen und konkrete Termine für Treffen, CSD-Beteiligungen und Konferenzen. Dieser Abschnitt wirkte weniger erzählend als organisierend; er stellte die Infrastruktur der Bewegung aus, also genau jene Ebene, auf der Öffentlichkeit erst entstehen konnte. Das Heft zeigte hier sehr deutlich, daß politische Kultur nicht nur aus Positionen bestand, sondern aus Verabredungen, Zuständigkeiten und wiederkehrenden Anlässen zur Begegnung.
Quo vadis, bijou?
Der Schlußbeitrag fragte nach der Zukunft des Hefts selbst und machte keinen Hehl daraus, daß eine Publikation ohne Mitarbeit ihrer Leserinnen und Leser nicht bestehen konnte. Es wurde um Texte, Bilder, Anregungen und auch um Kritik gebeten, zugleich aber technische und organisatorische Hürden offen benannt. Der Beitrag war damit mehr als eine bloße Leseransprache: Er war ein Selbstbekenntnis zur Verletzlichkeit ehrenamtlicher Medienarbeit. Das Heft stellte sich hier nicht als fertiges Produkt, sondern als gemeinsames Vorhaben dar, dessen Fortgang von Beteiligung abhing.
Wer waagt, gewinnt.
Der letzte längere Text über Konversionstherapie und die metaphorische Waage stellte die Gefahr gesellschaftlichen Drucks in den Mittelpunkt. Er zeigte, wie äußere Normen, Angst und Anpassung Menschen dazu bringen konnten, ihre innere Neigung zu verleugnen oder zu unterdrücken. Aus bisexueller Perspektive gewann der Text eine zusätzliche Dimension: Er beschrieb nicht nur die Gewalt normierender Zuschreibungen, sondern auch die Gefahr, die eigene Vielgerichtetheit aus Angst vor Konflikten zu amputieren. Die Pointe lag in einer ernsten Einsicht: Wer sich dauerhaft gegen die eigene innere Bewegung stellt, bezahle dafür mit Zerrüttung. Der Text las sich deshalb wie eine Absage an jede erzwungene Eindeutigkeit.
In der Summe zeigt diese Ausgabe eine Bewegung von der bloßen Wiederkehr hin zur politischen und kulturellen Selbstvergewisserung. Das Heft wollte nicht nur berichten, sondern Räume erhalten: für Literatur, für Organisation, für Begegnung, für Kritik und für die Behauptung, daß bisexuelles Leben weder Randphänomen noch Übergangsform war. Gerade darin liegt seine historische Aussagekraft. Es spricht aus einer Zeit, in der Sichtbarkeit noch mühsam hergestellt werden mußte, und es tat dies mit einem bemerkenswert unpathetischen, aber entschlossenen Ernst.
Hinweis
Bitte beachten Sie, daß die Inhalte von Archivalien nicht mehr dem heutigen Wissensstand oder der aktuellen Rechtslage entsprechen könnten.
letzte Bearbeitung: 02.06.2026
