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Sexuelle Orientierung, Suizidalität und psychische Gesundheit
Publikation: Wissenschaftliche Veröffentlichung / Arbeit, Dissertation, ArchivID: 379
Eine österreichische Erstuntersuchung
Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades des Fachbereichs Psychologie der Universität Salzburg.
Die Dissertation entstand vor dem Hintergrund institutioneller und gesellschaftlicher Diskriminierung von homo- und bisexuellen Menschen in Österreich. Zum Zeitpunkt der Studienerhebung war Homosexualität zwar nicht mehr strafbar, aber rechtliche Gleichstellungen (z.”¯B. Partnerschaftsrechte, Adoptionsrecht) fehlten. Martin Plöderl war in der Beratung für die HOSI Salzburg tätig und motiviert durch persönliche Erfahrungen mit Betroffenen, die unter psychischem Druck litten oder suizidal waren.
Wie wirkt sich die gesellschaftliche Stellung homo- und bisexueller Menschen auf ihre psychische Gesundheit und ihr Suizidrisiko aus? Dieser Frage widmet sich die Dissertation von Martin Plöderl (2004). Die Arbeit ist eine der ersten umfangreichen Untersuchungen im deutschsprachigen Raum, die empirisch belegt, dass lesbische, schwule und bisexuelle (LSB) Menschen deutlich häufiger mit psychischen Belastungen und suizidalen Gedanken oder Handlungen zu kämpfen haben als heterosexuelle Vergleichspersonen.
Studiendesign und Stichprobenbeschreibung
Untersuchungs- und Kontrollgruppe
- Untersuchungsgruppe: 358 homo- und bisexuelle Personen (32”¯% Frauen), rekrutiert über Homosexuelleninitiativen in Salzburg, Linz und Graz.
- Kontrollgruppe: 267 heterosexuelle Personen, angepasst nach Alter, Geschlecht und Bildungsniveau.
- Die homo- und bisexuellen Teilnehmenden wiesen häufiger höhere Bildungsabschlüsse auf, lebten häufiger in Städten, waren seltener verheiratet und weniger oft religiös
Suizidalität
Prävalenz
- Homo- und bisexuelle Menschen zeigten höhere Suizidversuchs- und Suizidgedankenraten als heterosexuelle Kontrollpersonen.
- Dieser Effekt blieb auch nach Herausrechnen falsch positiver Antworten signifikant bestehen.
- Zwischen Männern und Frauen gab es keine signifikanten Unterschiede in der Suizidalität.
- Bisexuelle Männer wiesen eine schlechtere psychische Verfassung und eine höhere suizidale Gefährdung auf als homosexuelle Männer.
Risikofaktoren
- Zentrale Risikofaktoren: Diskriminierung, familiäre Gewalt, Depression, Hoffnungslosigkeit, niedriger Selbstwert, wenig soziale Unterstützung, Suizide im sozialen Umfeld.
- Die Stresshypothese wurde bestätigt: Viele Risikofaktoren sind bei homo- und bisexuellen Personen stärker ausgeprägt.
- Die Vulnerabilitätshypothese, nach der gleiche Belastungen stärkere Auswirkungen bei sexuellen Minderheiten haben, wurde teils bestätigt, teils nicht
Multivariate Analyse
- Die erklärbare Varianz durch die erfassten Risikofaktoren lag bei ca. 27–40”¯% vor Validierung (danach geringer).
- Besonders stark wirkten sich Faktoren wie Depressivität, familiäre Reaktion, Hoffnungslosigkeit und Diskriminierung aus.
- Internalisierte Homophobie war univariat stark mit Suizidalität korreliert, aber multivariat nicht mehr signifikant
Psychische Gesundheit
Allgemeine Befunde
- Homo- und bisexuelle Personen zeigten häufiger depressive Symptome und andere psychische Beschwerden als heterosexuelle
Einflußfaktoren
- Höchste Korrelation mit psychischen Problemen: internalisierte Homophobie, geringe Offenheit über die sexuelle Orientierung, Diskriminierung, unzureichende familiäre Unterstützung, sexuelle Inaktivität und schlechte PartnerInnensituation.
- Interessant: Diskriminierungserfahrungen waren nicht notwendigerweise schädlicher, wenn sie explizit mit der sexuellen Orientierung begründet waren.
Multivariate Analyse
- Ein Modell mit allgemeinen Risikofaktoren konnte 38–40”¯% der Varianz psychischer Symptome erklären.
- Auch nach Kontrolle für andere Faktoren erklärte die sexuelle Orientierung noch signifikant Varianz
Internalisierte Homophobie
- Häufiger bei älteren Personen, Männern, religiösen Menschen und solchen mit konservativer Parteineigung (ÖVP/FPÖ).
- Hängt zusammen mit niedrigerem Selbstwert.
- Mögliche wechselseitige Verstärkung zwischen Selbstabwertung und internalisierter Homophobie.
Diskriminierung und soziale Unterstützung
- Homo- und bisexuelle Männer berichteten häufiger über körperliche und sexuelle Gewalt aufgrund ihrer Orientierung als Frauen.
- Die Polizei wurde in vielen Fällen nicht informiert (z.”¯B. aus Scham oder Angst).
- Innerhalb der Familie reagierten Väter am negativsten, gefolgt von Müttern – FreundInnen unterstützten am stärksten.
Weitere Hypothesen und Befunde
- Schwierigkeiten bei der Partnersuche hängen mit psychischer Belastung und Suizidalität zusammen – unabhängig von der sexuellen Orientierung
- Sowohl homo-/bisexuelle Männer als auch Frauen hatten signifikant schlechtere Werte als ihre heterosexuellen GeschlechtsgenossInnen (psychische Gesundheit, Suizidalität).
Der Autor sieht die Arbeit als Beitrag zum Abbau von Diskriminierung und zur Verbesserung der psychischen Versorgung homosexueller und bisexueller Menschen. Die Daten zeigen, dass diese Gruppen aufgrund von gesellschaftlicher Marginalisierung tatsächlich stärker gefährdet sind – aber auch, dass soziale Unterstützung ein bedeutsamer Schutzfaktor ist
Hinweis
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ArchivID
379
Kategorie
Publikation -> Wissenschaftliche Veröffentlichung / Arbeit, Dissertation
Autor* / Autorin*
Mag. phil. Ing. Martin Plöderl
Datenstand dieser Publikation
06.04.2004
Im Bi(-/+) Archiv seit dem
09.08.2018
Im Bi(-/+) Archiv veröffentlicht
26.05.2021
Archiviertes Format
Stichworte
#2004 #Depression #Diskriminierung #Homophobie / Homofeindlichkeit #Minoritätenstreß #Österreich #Psychische Gesundheit #sexuelle Orientierung #Soziale Unterstützung #Suizidalitätletzte Bearbeitung: 15.06.2025
