Bi(-/+)Archiv
Broschüren, Studien, Flyer, Photo's, Zeitschriften, Filme, Bücher zum Thema Bisexualität / Multisexualität.
ArchivID
64
Kategorie
Buch -> Studie, Bericht, Sachbuch
Ursprungsland
Bundesrepublik Deutschland (BRD)
Sprache
Deutsch
Jahr
1974
Seiten
400
ISBN-10
3-100-14801-0
ISBN-13
Autor* / Autorin*
Prof. Dr. phil. Martin Dannecker;
Reimut Reiche;
Designer* / Designerin*
Hannes Jähn
Lektorat
Friedhelm Herborth
Verlag
Im Bi(-/+) Archiv seit dem
29.10.2024
Im Bi(-/+) Archiv veröffentlicht
29.10.2024
Archiviertes Format
Der gewöhnliche Homosexuelle

© Hannes Jähn, Fischer Taschenbuch Verlag GmbH
eine soziologische Untersuchung über männliche Homosexuelle in der BRD
Homosexuell wird man nämlich nicht mit 4 oder 5 Jahren, sondern mit 14 oder 17 Jahren oder gar später. Mit vier Jahren wird ein Triebschicksal verankert, d.h. eine Disposition aber keine Determination erworben. Und auf diesem Treibschicksal werden soziale Geschelchtsrollen, bewußte Einstellungen und unbewußte Ängste, Phobien und Ablehnungen aufgebaut, wird ein Bild der Selbstwahrnehmung und Selbstverurteilung errichtet, das sozialen Zwängen und Gesetzen folgt. Dieser soziale Zwang muß allerdings in der Einzelpsyche verarbeitet werden. Und gerade darum ist es der solziale Zwang, der den Homosexuellen macht, jedenfalls das an ihm, was andere das "Andere", das "Abweichende" ist.
Relevanz
Weshalb im Bi(-/+)Archiv?! Wo ist der Bezug zur Bisexualität / Multisexualität?Das Kapitel ”Bisexualität und latente Homosexualität“ aus ”Der gewöhnliche Homosexuelle“ von Martin Dannecker und Reimut Reiche beschäftigt sich mit der Komplexität und den verschiedenen Dimensionen der Bisexualität, insbesondere in der westlichen Gesellschaft und in Verbindung mit der Wahrnehmung und den Erfahrungen von Homosexualität. Außerdem wird darin so einigen Studienteilnehmern ihre Bisexualität abgesprochen. Teils mit haarsträubenden Argumenten.
Kommentar Bi(-/+) Archiv
Zusätzliche Informationen, Hintergrundwissen, Fakten oder Meinungen zu diesem Archivstück.Die Autoren beschäftigen sich zunächst mit der Arbeit von Alfred Kinsey und seiner Theorie zur sexuellen Orientierung, die auf einer Skala zwischen Homosexualität und Heterosexualität basiert. Kinsey betrachtete sexuelle Orientierung als fließend und nicht als eine feste Kategorie, wobei er die Existenz von bisexuellem Verhalten und Erfahrungen dokumentierte. Dannecker und Reiche kritisieren jedoch, daß Kinsey die Bisexualität aus seiner Theorie herausnimmt, da er den Begriff nicht in der Weise verwendet, wie er heute verstanden wird. Die Autoren stellen fest, daß viele Menschen in ihrer Lebensgeschichte sowohl homosexuelle als auch heterosexuelle Erfahrungen gemacht haben, was jedoch nicht zwangsläufig auf eine ”bisexuelle Identität“ hindeutet.
Sie kritisieren außerdem die verbreitete Annahme, daß Bisexualität eine Art Übergangsstadium oder eine uneindeutige Form der Sexualität sei, und verdeutlichen, daß viele Menschen, die als bisexuell bezeichnet werden, dies häufig tun, um sich vor gesellschaftlicher Stigmatisierung zu schützen. In ihrer Analyse unterscheiden sie zwischen ”Abwehr-Bisexualität“, bei der eine Person heterosexuelle oder homosexuelle Beziehungen aus Angst vor der Gesellschaft oder vor einer bestimmten Identifikation mit einer sexuellen Orientierung eingeht, und einer ”echten“ Bisexualität, bei der Menschen gleichwertig und ohne Beeinträchtigung sexuelle Anziehung zu beiden Geschlechtern verspüren.
Dannecker und Reiche kommen zu dem Schluß, daß die Vorstellung einer ”universellen Bisexualität“—die Annahme, daß alle Menschen potentiell bisexuell sind, und daß dies nur eine Frage der Entscheidung oder der sozialen Umstände ist—problematisch ist. Sie betonen, daß viele Menschen, die als bisexuell gelten, in Wirklichkeit ihre sexuellen Bedürfnisse und Wünsche zwischen heterosexuellen und homosexuellen Objekten aufspalten und so die Komplexität ihrer sexuellen Orientierung oft nur schwer fassen lassen. In einer Gesellschaft, die zwischen hetero- und homosexuell unterscheidet, wird die Bisexualität häufig von den betreffenden Individuen durch eine Trennung von Affekten und sexuellen Objekten bewältigt.
Die Autoren schließen mit der Bemerkung, daß Bisexualität keine einfache Kombination von Hetero- und Homosexualität ist. Vielmehr ist sie ein Zustand, der die Komplexität menschlicher Objektbeziehungen widerspiegelt, und sie fordern eine umfassendere Theorie, die alle Formen der sexuellen Orientierung und ihre Wechselwirkungen besser verstehen kann. Sie hinterfragen die bestehende Kultur, die diese Spaltungen in den sexuellen Affekten und Objektbeziehungen als ”normal“ ansieht.
Diese kritische Betrachtung von Bisexualität und deren gesellschaftlicher Bedeutung unterstreicht, daß die bisexuelle Orientierung in der modernen Gesellschaft oft eine komplexe Mischung von inneren Konflikten und äußeren Anforderungen darstellt.
Hinweis
Bitte beachten Sie, daß die Inhalte von Archivalien nicht mehr dem heutigen Wissensstand oder der aktuellen Rechtslage entsprechen könnten.
letzte Bearbeitung: 15.09.2026
