Bi(-/+)Archiv
Broschüren, Studien, Flyer, Photo's, Zeitschriften, Filme, Bücher zum Thema Bisexualität / Multisexualität.
ArchivID
740
Kategorie
Publikation -> Essay
Autor* / Autorin*
Verlag
Datenstand dieser Publikation
17.08.1904
Im Bi(-/+) Archiv seit dem
14.08.2022
Im Bi(-/+) Archiv veröffentlicht
20.01.2024
Archiviertes Format
Noch gesuchtes Format
Vielleicht hast Du nicht genau dieses gesuchte Archivstück, aber eventuell ein Anderes, welches Du dem Bi(-/+) Archiv überlassen möchtest. Schau bitte in die Wunschliste und unterstütze das Bi(-/+) Archiv!
Stichworte
#§ 175 #1904 #Diskriminierung #Homophobie / Homofeindlichkeit #Homosexualität #Sozialkritik #Verfolgung #VorurteileDie Liebe des dritten Geschlechts

Homosexualität, eine bisexuelle Varietät, keine Entartung – keine Schuld.
Kommentar Bi(-/+) Archiv
Zusätzliche Informationen, Hintergrundwissen, Fakten oder Meinungen zu diesem Archivstück.Elberskirchens Werk ist eine leidenschaftliche Streitschrift zur Verteidigung der Homosexualität, die sie als natürliche Variation und keinesfalls als Entartung oder moralische Verfehlung darstellt. Sie argumentiert wissenschaftlich und gesellschaftskritisch gegen die pathologisierende Sichtweise ihrer Zeit.
Zentrale Thesen des Textes:
Homosexualität ist keine Entartung:
Elberskirchen widerlegt die verbreitete Meinung, Homosexualität sei eine ”degenerative Abweichung“ oder ”Krankheit“. Sie verweist auf historische und kulturelle Belege, daß homosexuelle Liebe in vielen Gesellschaften existierte.
Ein Entartungszustand kann nicht so dauernd, so zähe sich erhalten.
Homosexualität ist eine bisexuelle Varietät:
Sie stellt die These auf, daß Menschen eine ”bisexuelle Anlage“ besitzen und es verschiedene ”Varietäten“ sexueller Orientierung gibt. Es existiere kein absoluter Mann oder absolute Frau – stattdessen seien alle Menschen in unterschiedlichem Maße bisexuell.
Es gibt keinen absoluten Mann. Es gibt kein absolutes Weib. Es gibt nur bisexuelle Varietäten.
Homosexualität ist keine Schuld:
Sie argumentiert gegen die moralische Verurteilung homosexueller Menschen, da sexuelle Orientierung keine Wahl sei. Ein Verhalten könne Schuld sein, aber nicht eine natürliche Anlage.
Wie kann ein körperlicher Zustand, bezw. ein damit verknüpfter seelischer Zustand ”Schuld“ sein?
Gesellschaftliche Heuchelei:
Elberskirchen kritisiert die Doppelmoral der Gesellschaft, die homosexuelle Liebe verurteilt, während heterosexuelle Beziehungen oft von Gewalt und Unterdrückung geprägt seien.
Die Tragödie des Weibes auf dem Gebiet der normalgeschlechtlichen Liebe ist die erschütterndste, die grausigste, welche die Kultur je gedichtet hat.
Homosexuelle als geistige Vordenker:
Sie postuliert, daß Homosexuelle oft einen größeren Beitrag zur Kultur und geistigen Entwicklung leisten, da ihre Energie nicht ausschließlich in Fortpflanzung, sondern in geistige Schöpfung fließt.
So wäre der Homosexuale das Regulativ einer sonst ins Ungemessene gehenden Versinnlichung, Entgeistigung – er wäre der geistige Generator der Menschheit?
Das Werk ist ein leidenschaftliches Plädoyer für die Akzeptanz der Homosexualität als eine natürliche Erscheinung, die weder krankhaft noch unmoralisch ist. Sie verbindet wissenschaftliche Argumente mit gesellschaftspolitischer Kritik und stellt sich entschieden gegen Diskriminierung.
Elberskirchen benutzt den Begriff ”bisexuelle Varietät“ im biologischen Sinne, also in Bezug auf die Annahme, daß alle Menschen sowohl ”männliche“ als auch ”weibliche“ Anlagen besitzen. Sie argumentiert, daß es keine strikte Trennung zwischen Mann und Frau gibt, sondern eine Bandbreite an geschlechtlichen Ausprägungen. Dabei geht sie von einer bisexuellen Grundanlage des Menschen aus, die sich unterschiedlich entwickeln kann.
Das bedeutet: Sie spricht nicht direkt über Bisexualität im heutigen Sinne als sexuelle Orientierung (also die romantische und/oder sexuelle Anziehung zu mehr als einem Geschlecht), sondern eher über eine Zwischenform von Geschlechtlichkeit. Ihre Argumentation ist stark von biologischen Theorien ihrer Zeit geprägt, insbesondere von der Annahme, daß sich Geschlecht in verschiedenen Mischungen zeigt.
Bisexuelle Anlage als biologische Tatsache:
Die sexuelle Uranlage ist bei beiden Geschlechtern ein und dieselbe, d. h. das weibliche und männliche Geschlecht entwickelt sich aus Organen, die Beide gemeinschaftlich haben.
Sie meint damit, daß Männer und Frauen ursprünglich die gleichen Anlagen besitzen und sich erst später geschlechtlich differenzieren.
Ablehnung eines binären Geschlechtsmodells:
Eine strenge Scheidung zwischen Mann und Weib ist ausgeschlossen.
Hier stellt sie das Konzept von zwei klar getrennten Geschlechtern infrage und argumentiert für fließende Übergänge.
Bisexuelle Varietäten als geschlechtliche Mischformen:
Es gibt keinen absoluten Mann. Es gibt kein absolutes Weib. Es gibt nur bisexuelle Varietäten.
Das zeigt, daß sie unter Bisexualität keine sexuelle Orientierung, sondern eine Mischung aus männlichen und weiblichen Eigenschaften versteht.
Zwischengeschlechtlichkeit als Normalität:
Und tatsächlich ist es so. Es gibt keinen absoluten Mann. Es gibt kein absolutes Weib.
Dies könnte man als frühe Argumentation für die Existenz nicht-binärer oder intergeschlechtlicher Menschen verstehen.
Ein moderner Blick auf Elberskirchens Konzept:
Elberskirchens biologisch gefärbte Vorstellung von ”bisexuellen Varietäten“ könnte als eine frühzeitige Auseinandersetzung mit dem Thema ”fluide Identitäten“ und dem Spektrum menschlicher Sexualität betrachtet werden, das heute in der queeren Theorie und auch in der modernen Diskussion um nicht-binäre Geschlechter zunehmend Anerkennung findet. Auch der heutige Begriff der ”fluiden Sexualität“ oder der ”Queerness“ könnte als Erweiterung ihres Gedankens gesehen werden, daß weder Geschlecht noch sexuelle Orientierung festgelegt sind, sondern sich ständig weiterentwickeln.
Moderne Queer-Theorien und Bisexualität:
- Queer-Theorien: Diese betonen, daß sowohl Sexualität als auch Geschlecht sozial konstruiert sind und es keine festen Kategorien gibt. Elberskirchens Aufhebung der binären Geschlechtertrennung und ihre Betonung der bisexuellen und fließenden Natur der sexuellen Identität entspricht vielen modernen queeren Theorien.
- Bisexualität als Spektrum: Der heutige Ansatz zu Bisexualität umfaßt die Idee, daß es nicht nur zwei Geschlechter gibt und daß Menschen Anziehung zu mehreren Geschlechtern empfinden können, ohne daß diese Anziehung gleich stark oder gleichzeitig auftritt.
Bisexualität und Geschlecht als Spektrum
Sowohl Elberskirchens Theorie von ”bisexuellen Varietäten“ als auch das moderne Verständnis von Bisexualität und Geschlechteridentität erkennen an, daß es keine starren, festen Kategorien gibt. Vielmehr sind Geschlecht und sexuelle Orientierung als dynamische und vielfältige Erscheinungen zu verstehen, die sich in unterschiedlichen Formen und Intensitäten zeigen können.
Während Elberskirchens Konzept von ”bisexuellen Varietäten“ eine biologische Vielfalt zwischen männlichen und weiblichen Merkmalen betont, wird in der heutigen Diskussion über Bisexualität und Queerness häufig auf die komplexe, nicht-lineare Natur der sexuellen Anziehung und Geschlechtsidentität hingewiesen. In beiden Ansätzen geht es darum, dass Menschen nicht strikt in nur eine von zwei Kategorien passen, sondern daß Individuen vielfältige Identitäten und Anziehungen entwickeln können, die über traditionelle Grenzen hinausgehen.
Hinweis
Bitte beachten Sie, daß die Inhalte von Archivalien nicht mehr dem heutigen Wissensstand oder der aktuellen Rechtslage entsprechen könnten.
letzte Bearbeitung: 08.04.2026
