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                          ArchivID

                          745

                          Originaltitel

                          Les Amours d'Anaïs

                          Kategorie

                          Film -> Erotik, Drama, Komödie, Romanze, Liebesfilm

                          Ursprungsland

                          Frankreich

                          Sprache

                          Französisch, Deutsch, Französisch mit deutschem Untertitel

                          Jahr

                          2020

                          Spieldauer

                          98 min

                          Darsteller* / Darstellerin*

                          Valeria Bruni-Tedeschi (Emilie);
                          Anaïs Demoustier (Anaïs);
                          Denis Podalydès (Daniel);
                          Anne Canovas (Mutter);
                          Jean-Charles Clichet (Yoann);
                          Xavier Guelfi (Balthazar);
                          Christophe Montenez (Raoul);
                          Bruno Todeschini (Vater);

                          Dialogregie

                          Beate Klöckner

                          Drehbuch

                          Charline Bourgois-Tacquet

                          Kamera

                          Noé Bach

                          Kostüme

                          Léa Forest

                          Maske

                          Albane Cousinaro

                          Musik

                          Nicolas Piovani

                          Produktion

                          Année Zéro; Les Films Pelléas; Les Films Pelléas; ARTE France; ARTE France Cinéma; Canal +; Ciné +; Ciné +; Odessa Productions;

                          Produzent* / Produzentin*

                          Igor Auzépy;
                          Stéphane Demoustier;
                          Philippe Martin;
                          David Thion;

                          Regie

                          Charline Bourgois-Tacquet

                          Schnitt / Montage

                          Chantal Hymans

                          Synchronsprecher* / Synchronsprecherin*

                          Arianne Borbach (Mutter);
                          🪦
                          Alexander Doering (Vater);
                          -EH2RF5;
                          Anna Grisebach (Emilie);
                          Tino Mewes (Balthazar);
                          Henning Nöhren (Yoann);
                          Frank Röth (Jouannet);
                          Lena Schmidtke (Anais);
                          Asad Schwarz (Daniel);
                          Aline Staskowiak (Vermieterin);
                          Amadeus Strobl (Raoul);
                          Ilka Teichmüller (Catherine);

                          Ton

                          Mathieu Villien

                          Übersetzer* / Übersetzerin*

                          Pati Träger

                          Unterstützung

                          Centre National de la Cinématographie de l'image Animée; Centre National de la Cinématographie de l'image Animée; La Région Bretagne; La Région Bretagne; La Région Paye de la Loire; La Région Paye de la Loire;

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                          20.10.2022

                          Im Bi(-/+) Archiv veröffentlicht

                          07.02.2024

                          FSK
                          FSK 12

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                          Stichworte

                          #2020 #Bisexualität #Eifersucht #Frankreich #Krankheit #Krebs #Liebe #Multisexuell #Omnisexualität #Pansexualität #Paris #Polyamory #Polysexualität #Sehnsucht #Sex #Weiblich
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                          Der Sommer mit Anaïs (Les Amours d'Anaïs)

                          Film: Erotik, Drama, Komödie, Romanze, Liebesfilm, ArchivID: 745
                          Anaïs steht auf einer Wiese im Sommer in einem rotem Kleid und blickt über die Schulter zurück.

                          Anaïs ist eine junge Frau voller Lebensfreude und Energie. Sie lebt im Hier und Jetzt, ist ständig in Bewegung und hat große Pläne für ihre Zukunft. Als Anaïs auf den Verleger Daniel trifft, ist er von ihrem charmanten Wesen fasziniert und verliebt sich auf der Stelle in sie. Aber Daniel lebt mit der erfolgreichen Schriftstellerin Emilie zusammen, zu der sich Anaïs wiederum magisch hingezogen fühlt ...

                          DER SOMMER MIT Anaïs ist eine leichtfüßig erzählte Sommerkomödie über eine junge Frau, die sich kompromisslos dem Gefühl der Leidenschaft hingibt und ganz nach ihren inneren Empfindungen handelt. Neben Anaïs Demoustier (”Alice oder Die Bescheidenheit“) brillieren die französischen Schauspielstars Denis Podalyd's (“Die schönste Zeit unseres Lebens”) und Valeria Bruni Tedeschi (“Sommer ‘85”, “Die süße Gier”) in den Nebenrollen. Diese pikante Komödie ist so unbekümmert und lebenslustig wie ein Strandausflug an einem sonnigen Tag.

                          Quelle: http://dersommermitanais-derfilm.de

                          Relevanz

                          Weshalb im Bi(-/+)Archiv?! Wo ist der Bezug zur Bisexualität / Multisexualität?
                          Anaïs wechselt, ohne irgendwas zu hinterfragen, die Beziehungsgeschlechter. Von männlich zu weiblich. Emilie lebt mit ihrem Mann zusammen und hat dabei eine Affäre mit Anaïs.

                          Kommentar Bi(-/+) Archiv

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                          Eine Frau, die niemals stillsteht

                          Der französische Spielfilm Der Sommer mit Anaïs (Les Amours d’Anaïs) aus dem Jahr 2020 ist das Langfilmdebüt der Regisseurin Charline Bourgeois-Tacquet. Die romantische Komödie erzählt von einer jungen Frau, die sich nur schwer auf etwas festlegen kann, ständig in Bewegung ist und sich von den Erwartungen ihrer Umwelt wenig beeindrucken läßt. Im Mittelpunkt steht Anaïs, gespielt von Anaïs Demoustier, deren Leben zwischen unerledigter Doktorarbeit, Geldsorgen, familiären Problemen und wechselnden Liebesbeziehungen aus dem Takt geraten ist. Als sie den älteren Verleger Daniel kennenlernt, scheint zunächst eine weitere Affäre ihren unruhigen Alltag zu bereichern. Doch bald richtet sich ihr Interesse auf eine andere Person: Émilie, Daniels Lebensgefährtin, eine erfolgreiche Schriftstellerin, die Anaïs zunächst nur aus der Ferne kennt.

                          Der Film entwickelt daraus eine ebenso leichte wie sinnliche Geschichte über Begehren, Leidenschaft und die Frage, wie verbindlich Liebe eigentlich sein muß. Seine besondere Stärke liegt dabei weniger in einer überraschenden Handlung als in den Figuren, ihren Widersprüchen und der Art, wie sie miteinander umgehen. Anaïs ist eine Hauptfigur, die man ausgesprochen sympathisch finden kann, ohne sich wünschen zu müssen, ihr im wirklichen Leben allzu nahe zu kommen.

                          Anaïs: charmantes Chaos und unbändiger Lebenshunger

                          Anaïs ist ein Wirbelwind. Sie rennt von einem Termin zum nächsten, kommt zu spät, redet schnell, verliert sich in Einfällen und scheint ständig auf dem Sprung zu sein. Ihre Doktorarbeit über die Leidenschaft in der Literatur des 17. Jahrhunderts kommt nur schleppend voran, die Miete ist nicht bezahlt, und für die wichtigen Dinge ihres Lebens nimmt sie sich oft erstaunlich wenig Zeit. Wo andere planen, abwägen und ihre Verpflichtungen abarbeiten, läßt Anaïs sich lieber von der nächsten Eingebung leiten. Sie findet Ausreden, improvisiert und vertraut darauf, daß sie sich irgendwie durchschlagen wird.

                          Das könnte ausgesprochen anstrengend sein. Tatsächlich dürfte Anaïs im Alltag für ihre Mitmenschen eine erhebliche Herausforderung darstellen. Auf Verabredungen zu warten, ihre Unpünktlichkeit auszugleichen oder sich auf ihre Zusagen verlassen zu müssen, wäre vermutlich weniger unterhaltsam, als ihr auf der Leinwand zuzusehen. Sie ist sprunghaft, mitunter rücksichtslos und erstaunlich unbesorgt angesichts der Folgen ihres Handelns. Wer Ordnung, Verläßlichkeit und einen gewissen Gleichklang im Zusammenleben schätzt, dürfte mit ihr schnell an seine Grenzen kommen.

                          Und trotzdem besitzt Anaïs einen Charme, dem man sich nur schwer entziehen kann. Ihre Lebendigkeit wirkt ansteckend, ihre Direktheit erfrischend, und ihre Fähigkeit, sich immer wieder aus einer verfahrenen Situation herauszureden, hat etwas Komisches. Sie ist keine Frau, die ihre eigenen Unzulänglichkeiten lange betrachtet oder sich von ihnen aufhalten läßt. Stattdessen macht sie weiter, als könne das Leben gar nicht schnell genug an ihr vorbeiziehen. Anaïs ist nicht unbedingt besonders verantwortungsbewußt, aber sie ist vollkommen gegenwärtig. Sie begehrt, lacht, streitet und verliebt sich, ohne sich zuvor einen Plan für die nächsten fünf Jahre zurechtzulegen.

                          Dabei sollte man ihre Unbekümmertheit nicht mit uneingeschränkter Rücksichtnahme verwechseln. Anaïs stellt ihre Wünsche häufig in den Mittelpunkt und setzt recht selbstverständlich voraus, daß andere mit ihrem Tempo und ihren Entscheidungen zurechtkommen werden. Ihre Freiheit hat deshalb auch eine egoistische Seite. Sie befreit sich von gesellschaftlichen Erwartungen, übernimmt aber nicht immer in gleichem Maße Verantwortung für die Gefühle der Menschen, die sie dabei zurückläßt.

                          Als Filmfigur ist gerade dieser Widerspruch reizvoll. Anaïs muß nicht vernünftig sein, um liebenswert zu wirken, und sie muß sich nicht als moralisches Vorbild eignen, um zu überzeugen. Man kann ihre Lebenslust bewundern und ihr Verhalten gleichzeitig für ziemlich unmöglich halten. Der Film verlangt seinem Publikum nicht ab, jede ihrer Entscheidungen gutzuheißen. Er lädt vielmehr dazu ein, sich von ihrer Energie mitreißen zu lassen und ihre Unzulänglichkeiten mit einem gewissen Vergnügen zu betrachten.

                          Raoul: die Beziehung, die nicht mehr genügt

                          Raoul, gespielt von Christophe Montenez, ist Anaïs’ Freund zu Beginn der Geschichte. Die Beziehung der beiden ist bereits aus dem Gleichgewicht geraten. Es gibt Streit und Versöhnung, Nähe und Distanz, aber offenbar nicht mehr jene Leidenschaft, die Anaïs für eine Liebesbeziehung als entscheidend empfindet. Sie ist sich ihrer Gefühle für Raoul nicht mehr sicher und möchte sich nicht aus Gewohnheit oder aus Angst vor den Folgen einer Trennung an ihn binden.

                          Als Anaïs feststellt, daß sie schwanger ist, entscheidet sie sich für einen Schwangerschaftsabbruch und trennt sich von Raoul. Für sie scheint die Entscheidung folgerichtig: Sie möchte weder eine Beziehung fortsetzen, an deren Zukunft sie nicht glaubt, noch eine Mutterschaft übernehmen, die sie nicht will. Raoul muß dagegen erleben, daß sich die gemeinsame Zukunft, die zumindest zeitweise vorstellbar gewesen sein mag, in kurzer Zeit auflöst. Seine Vorwürfe, Anaïs sei egoistisch, sind deshalb nicht einfach von der Hand zu weisen.

                          Raoul bildet einen Kontrast zu Anaïs’ Ungebundenheit. Er gehört zu einer Beziehung, die Verbindlichkeit und gemeinsame Entscheidungen verlangt, während Anaïs sich nicht länger an etwas festhalten möchte, das sie nicht mehr erfüllt. Der Film macht daraus jedoch keine einfache Gegenüberstellung einer freien Frau und eines besitzergreifenden Mannes. Raoul ist nicht allein deshalb im Unrecht, weil Anaïs gehen möchte. Ihre Selbstbestimmung und seine Enttäuschung können gleichzeitig bestehen.

                          Die Trennung zeigt vielmehr eine Eigenheit von Anaïs, die auch in ihren späteren Beziehungen eine Rolle spielt: Sie orientiert sich stark an der Intensität ihrer eigenen Gefühle. Wenn diese nachlassen, wird es für sie schwierig, an einer Beziehung festzuhalten, nur weil diese einmal wichtig war oder weil eine gemeinsame Geschichte Verpflichtungen mit sich bringt.

                          Daniel: ein Mann, der zur Zwischenstation wird

                          Daniel, gespielt von Denis Podalydès, ist ein älterer Verleger und der Lebensgefährte der Schriftstellerin Émilie. Als er Anaïs begegnet, fühlt er sich zu ihr hingezogen. Sie läßt sich auf ihn ein, doch ihre Affäre entwickelt nicht jene Intensität, die sie offenbar sucht. Daniel interessiert sich für Anaïs, während sie sich schon bald für etwas anderes zu interessieren beginnt.

                          Dabei ist Daniel keineswegs nur eine austauschbare männliche Figur, die im Film Platz machen muß, sobald sich die eigentliche Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen abzeichnet. Er besitzt ein etabliertes Leben und eine langjährige Partnerschaft, die er nicht ohne weiteres aufgeben möchte. Er ist von Anaïs fasziniert, bleibt aber zugleich an seine Beziehung zu Émilie gebunden. Seine Zurückhaltung steht im Gegensatz zu Anaïs’ Drang, einer Anziehung möglichst unmittelbar nachzugehen.

                          Für Anaïs wird Daniel schließlich vor allem deshalb bedeutsam, weil er sie in die Nähe von Émilie bringt. Durch ihn erfährt sie von der Schriftstellerin, sieht ein Bild von ihr und beginnt, ihre Bücher zu lesen. Die anfängliche Affäre verliert damit rasch an Bedeutung, während Émilie in Anaïs’ Vorstellung immer wichtiger wird.

                          Daniel gerät dadurch in eine eigentümliche Rolle: Er ist zunächst selbst Gegenstand von Anaïs’ Begehren und wird dann zum Bindeglied zu jener Frau, die ihre Aufmerksamkeit tatsächlich fesselt. Die Konstellation sorgt für Komik, ist für ihn aber nicht unbedingt angenehm. Seine Partnerin wird zum Gegenstand einer Annäherung, die er kaum kontrollieren kann, während Anaïs ihre ursprüngliche Beziehung zu ihm gedanklich schon hinter sich gelassen hat.

                          Émilie: eine Schriftstellerin und eine unerwartete Leidenschaft

                          Émilie, gespielt von Valeria Bruni Tedeschi, ist eine etablierte Schriftstellerin und deutlich älter als Anaïs. Sie führt mit Daniel eine langjährige Beziehung und scheint in einer ganz anderen Lebensphase angekommen zu sein. Während Anaïs von einer Situation in die nächste springt, verfügt Émilie über eine eigene Arbeit, eine literarische Öffentlichkeit und eine gefestigtere Lebenswelt.

                          Zunächst begegnet Anaïs ihr nicht unmittelbar, sondern über ein Bild und ihre Bücher. Aus der Neugier wird eine Faszination. Anaïs liest Émilies Werke, fühlt sich von ihnen angesprochen und beginnt, in der Schriftstellerin eine Art geistige Verwandte zu sehen. Sie idealisiert die Frau, noch bevor sie sie wirklich kennt. Als sie Émilie schließlich zufällig auf der Straße begegnet, ergreift sie ohne große Umschweife die Gelegenheit, sie anzusprechen.

                          Von da an betreibt Anaïs mit bemerkenswerter Beharrlichkeit ihre Annäherung. Sie sucht Gelegenheiten, Émilie wiederzusehen, und nimmt dafür sogar Umwege in Kauf, die mit ihren sonstigen Verpflichtungen kaum vereinbar sind. Was bei einem anderen Menschen als aufdringlich oder grenzüberschreitend erscheinen könnte, erhält durch Anaïs’ überschäumende Energie eine komische Leichtigkeit. Ganz verschwinden die Grenzen zwischen entschlossener Werbung und einer unangenehm hartnäckigen Verfolgung allerdings nicht.

                          Émilie reagiert zunächst mit Verwunderung und einer gewissen Vorsicht. Sie ist nicht einfach die ältere Frau, die auf eine jüngere Verehrerin gewartet hätte. Vielmehr begegnet ihr eine Anziehung, mit der sie offenbar nicht gerechnet hat. Anaïs’ Direktheit irritiert sie, fasziniert sie aber zugleich. Die Jüngere verkörpert eine Unmittelbarkeit des Begehrens, die Émilie aus ihrem eigenen Leben möglicherweise weniger vertraut ist.

                          Entscheidend ist, daß Émilie nicht dauerhaft in der Rolle des bewunderten Wunschbildes verbleibt. Aus der anfänglichen Faszination muß eine Begegnung zwischen zwei tatsächlichen Menschen werden, mit unterschiedlichen Erfahrungen, Erwartungen und Unsicherheiten. Anaïs mag sich ihrer Gefühle schnell sicher sein; damit ist noch nicht entschieden, was daraus werden soll. Émilie muß ihre eigenen Wünsche erst erkunden und sich dazu verhalten.

                          Gerade diese Verschiebung macht die Beziehung interessant. Anaïs tritt nicht einfach in eine fertige Liebesgeschichte ein, sondern bringt Bewegung in ein bestehendes Leben. Émilie wiederum ist keine bloße Projektionsfläche für die jüngere Frau. Ihre eigene Reaktion ist ebenso wichtig wie Anaïs’ Beharrlichkeit. Die Beziehung lebt von dem Gegensatz zwischen impulsiver Entschiedenheit und nachdenklicher Zurückhaltung, zwischen einer Frau, die ihrem Begehren ohne langes Zögern folgt, und einer anderen, die erst herausfinden muß, wie weit sie ihm folgen möchte.

                          Die Mutter: eine Wirklichkeit, der Anaïs davonläuft

                          Neben dem Liebesleben gibt es eine weitere, wesentlich ernstere Ebene. Anaïs erfährt, daß ihre Mutter schwer an Krebs erkrankt ist. Diese Nachricht bringt eine Verletzlichkeit in die Geschichte, die sich nicht so leicht mit ihrem gewohnten Tempo überspielen läßt. Während Anaïs sich in Bewegung hält, wird sie mit der Möglichkeit von Verlust, Angst und Trauer konfrontiert.

                          Es liegt nahe, ihr rastloses Verhalten auch als Flucht zu verstehen. Solange sie rennt, sich verliebt und neue Situationen herbeiführt, muß sie weniger lange bei dem verweilen, was sie nicht kontrollieren kann. Ihre Leidenschaft erscheint dann nicht nur als Ausdruck von Lebenslust, sondern möglicherweise auch als Gegenbewegung zu einer bedrohlichen Wirklichkeit. Wo Krankheit und Verlust Grenzen setzen, sucht Anaïs nach Intensität und Unmittelbarkeit.

                          Das entschuldigt nicht jede ihrer Entscheidungen. Ihr Umgang mit der Krankheit ihrer Mutter kann befremdlich wirken, gerade weil sie so sehr mit ihren eigenen Wünschen beschäftigt bleibt. Der Film läßt damit eine unangenehme Frage offen: Ist Anaïs tatsächlich so frei, wie sie erscheint, oder ist ihre ständige Bewegung auch eine Möglichkeit, bestimmten Gefühlen auszuweichen?

                          Diese Lesart sollte nicht als eindeutige psychologische Erklärung verstanden werden. Anaïs wird nicht auf ein verborgenes Trauma reduziert. Die Krankheit ihrer Mutter erweitert vielmehr das Bild einer Frau, die zwar voller Energie ist, aber keineswegs außerhalb aller menschlichen Ängste lebt. Ihre Unbeschwertheit hat eine Kehrseite: Sie scheint den Stillstand zu fürchten, weil dieser sie zwingen könnte, sich mit Dingen auseinanderzusetzen, vor denen auch ihre Schlagfertigkeit sie nicht schützt.

                          Begehren ohne vorgeschriebene Schublade

                          Für die Beschäftigung mit Bisexualität und anderen Formen sexueller Orientierung ist Der Sommer mit Anaïs besonders interessant, weil der Film Anaïs’ Anziehung zu Männern und Frauen nicht zum Gegenstand einer grundsätzlichen Identitätskrise macht. Ihre Beziehung zu Raoul, die Affäre mit Daniel und ihre zunehmende Faszination für Émilie gehören zu derselben Geschichte. Der Wechsel des Begehrens wird nicht als Widerspruch konstruiert, der erst erklärt oder aufgelöst werden müßte.

                          Anaïs fragt sich nicht ausführlich, was ihre Gefühle für Émilie über ihre bisherige Beziehung zu Männern aussagen. Sie entwickelt ein Interesse an einer Frau und handelt danach. Ihre vorherigen Erfahrungen werden dadurch nicht nachträglich entwertet. Ebenso wenig muß ihre Anziehung zu Émilie als Beweis dafür herhalten, daß die Beziehungen zu Männern nie ernst gemeint gewesen seien. Der Film interessiert sich mehr für das jeweilige Gefühl und die daraus entstehenden Beziehungen als für eine eindeutige Benennung der Orientierung seiner Hauptfigur.

                          Dabei ist es wichtig, Anaïs nicht nachträglich ein Etikett zuzuschreiben, das der Film selbst nicht in den Mittelpunkt stellt. Sie bezeichnet sich nicht ausdrücklich als bisexuell. Ihre Erfahrungen lassen sich jedoch im Zusammenhang mit Bisexualität und bi+ Lebensweisen betrachten, weil ihre Anziehung nicht auf ein Geschlecht beschränkt bleibt. Der Film verlangt von ihr keine abschließende Selbstdefinition, bevor sie ihre Gefühle ernst nehmen darf.

                          Das bedeutet nicht, daß der Film sexuelle Orientierung grundsätzlich für bedeutungslos erklärt. Vielmehr zeigt er, daß eine Person nicht jede neue Anziehung zuerst in ein fertiges Identitätsmodell einordnen muß. Zwischen Begehren, Selbstverständnis und dem Namen, den jemand seiner Orientierung gibt, besteht ein Unterschied. Der Sommer mit Anaïs läßt diesen Unterschied bestehen, ohne ihn zum Problem zu machen.

                          Auch die Altersdifferenz zwischen Anaïs und Émilie wird nicht als unüberwindliches Hindernis behandelt. Sie prägt ihre Begegnung und ihre unterschiedlichen Lebenssituationen, verhindert aber nicht, daß sich zwischen ihnen eine gegenseitige Anziehung entwickelt. Der Film interessiert sich dafür, was zwischen diesen beiden konkreten Menschen geschieht, anstatt ihre Beziehung zunächst an gesellschaftlichen Erwartungen zu messen.

                          Freiheit ist nicht dasselbe wie Rücksichtslosigkeit

                          So unbeschwert die Geschichte erzählt wird, so wenig muß man Anaïs’ Umgang mit anderen Menschen idealisieren. Ihre Freiheit besteht nicht nur darin, sich von gesellschaftlichen Vorstellungen über Beziehungen und Sexualität zu lösen. Sie zeigt sich auch in der Bereitschaft, unangenehme Entscheidungen zu treffen, Erwartungen zu enttäuschen und einen eingeschlagenen Weg wieder zu verlassen. Das kann befreiend wirken, bringt aber zwangsläufig andere Menschen mit ihren eigenen Gefühlen und Bedürfnissen ins Spiel.

                          Anaïs ist deshalb keine moralische Heldin der sexuellen Selbstbestimmung. Sie ist eine widersprüchliche Figur, die sich ihrer Wünsche oft sicherer ist als ihrer Verpflichtungen. Sie kann mutig und egoistisch, lebenshungrig und ausweichend, charmant und anstrengend zugleich sein. Der Film muß diese Eigenschaften nicht gegeneinander aufrechnen. Gerade weil Anaïs nicht als Musterbeispiel konstruiert wird, wirkt sie weniger wie eine Botschaft und mehr wie ein Mensch, dem man gerne zusieht.

                          Darin liegt auch ein Unterschied zwischen der Betrachtung einer Filmfigur und der Begegnung im wirklichen Leben. Als Zuschauer kann man sich von Anaïs’ Unbekümmertheit begeistern lassen, ohne ihre Unpünktlichkeit, Sprunghaftigkeit oder mangelnde Verläßlichkeit selbst ertragen zu müssen. Was im Alltag zu Konflikten führen könnte, wird auf der Leinwand zum Teil ihres komischen Charmes. Ihre Lebensweise muß nicht nachahmenswert sein, um unterhaltsam zu wirken.

                          Eine leichte Komödie mit ernstem Kern

                          Charline Bourgeois-Tacquet inszeniert diese Geschichte mit einem beweglichen Erzählrhythmus, raschen Dialogen und einer Hauptfigur, deren Unruhe sich auch in der Dynamik des Films widerspiegelt. Anaïs ist ständig unterwegs, und die Kamera folgt ihr, als könne auch sie es kaum erwarten, an den nächsten Ort zu gelangen. Die sommerlichen Landschaften und Begegnungen an der französischen Küste bilden dazu einen reizvollen Kontrast. In der Bretagne verlangsamt sich das Tempo stellenweise; die Begegnungen zwischen Anaïs und Émilie erhalten mehr Raum, und aus der zunächst fast komischen Verfolgung wird eine sinnliche Liebesgeschichte.

                          Der Film bleibt dabei leicht und humorvoll, ohne ausschließlich eine harmlose romantische Komödie zu sein. Unter der Oberfläche stehen Fragen nach Verantwortung, Selbstbestimmung, Verlust und der Bereitschaft, sich auf einen anderen Menschen einzulassen. Seine Figuren sind nicht alle gleichermaßen frei, nicht alle gleichermaßen entschlossen und schon gar nicht immer gerecht zueinander. Gerade das macht ihre Beziehungen interessant.

                          Der Sommer mit Anaïs ist damit ein Film über eine Frau, die sich von ihrem Begehren leiten läßt und sich nur ungern festlegen will. Er zeigt Anziehung zu Männern und Frauen, ohne daraus eine moralische Lektion oder eine eindeutige Identitätsgeschichte zu machen. Vor allem aber erlaubt er seiner Hauptfigur, unvollkommen zu sein. Anaïs muß weder als Vorbild taugen noch ihre Lebensweise rechtfertigen. Sie darf chaotisch, impulsiv, liebenswert und anstrengend sein – und sich trotzdem verlieben, ohne daß der Film zunächst entscheiden müßte, in welche Schublade sie gehört.

                          [ GPT & Mac ]
                          L: NBiA (1)
                          letzte Bearbeitung: 10.10.2026
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