Bi(-/+)Archiv
Broschüren, Studien, Flyer, Photo's, Zeitschriften, Filme, Bücher zum Thema Bisexualität / Multisexualität.
ArchivID
832
Kategorie
Autor* / Autorin*
Klaus Heinrich Thomas Mann
Datenstand dieser Publikation
01.03.1930
Im Bi(-/+) Archiv seit dem
09.11.2024
Archiviertes Format
Noch gesuchtes Format
Vielleicht hast Du nicht genau dieses gesuchte Archivstück, aber eventuell ein Anderes, welches Du dem Bi(-/+) Archiv überlassen möchtest. Schau bitte in die Wunschliste und unterstütze das Bi(-/+) Archiv!
Stichworte
#1930 #Anita Berber #Berlin #Deutschland #Europäische Union #Exzess #Grenzüberschreitung #Klaus Mann #Magnus Hirschfeld #Republik Österreich #Selbstzerstörung #Skandal #Sozialkritik #Tod #Weimarer Republik #WienDie Bühne, Nr. 275 vom 01.03.1930

Zeitschrift für Theater, Kunst, Film, Mode, Gesellschaft, Sport
Klaus Mann: 'Erinnerungen an Anita Berber'.
Klaus Mann's Rezension zu Leo Lania's Romanbiographie[1] über Anita Berber
und das persönliche Verhältnis von Klaus Mann zu Anita Berber.
Zuerst haßte ich sie; ich fand sie faszinierend, aber abscheulich.
Ich war dann ziemlich oft mit Anita und Henri zusammen. Ich wurde mit dem Schicksal dieser rabiaten Frau und ihres sanfteren Gefährten vertrauter. Sie stand, von ihrer Legende umwoben, inmitten einer grauenhaften Einsamkeit.
Sie war nicht die Frau, sich vor den Konsequenzen ihres Schicksals zu drücken. Sie machte nie halbe Sache. Ihr Absturz, rapid und katastrophal, scheint großartig stilisiert, pathetisch gesteigert, wie vorher ihr Triumph.
Kommentar Bi(-/+) Archiv
Zusätzliche Informationen, Hintergrundwissen, Fakten oder Meinungen zu diesem Archivstück.Einführung und zeitgenössischer Kontext
Der Text von Klaus Mann, erschienen am 1. März 1930 in der Zeitschrift „Die Bühne“, hatte sich rückblickend mit dem Leben der Tänzerin Anita Berber auseinandergesetzt und dieses zugleich in den kulturellen und gesellschaftlichen Kontext der Weimarer Republik eingeordnet. Ausgangspunkt war ein damals neu erschienener Roman über Anita Berber, der Klaus Mann zur eigenen Erinnerung veranlaßt hatte. Bereits hier zeigte sich ein charakteristischer Zugriff: Nicht die bloße Biografie stand im Vordergrund, sondern die Frage, wie ein individuelles Leben zur Erscheinung seiner Zeit werden konnte. Berber erschien als Produkt und Spiegel eines von Inflation, moralischer Verunsicherung und extremer Sinnsuche geprägten Deutschlands.
Erste Begegnung und ambivalente Wahrnehmung
Klaus Mann hatte seine erste Haltung gegenüber Anita Berber als zutiefst widersprüchlich beschrieben. Er habe sie zunächst abgelehnt, ja gehaßt, und zugleich als faszinierend empfunden. Diese Ambivalenz war nicht zufällig, sondern Ausdruck einer Persönlichkeit, die sich selbst zur Provokation gemacht hatte. Berber suchte bewußt den Skandal, stellte sich der öffentlichen Demütigung aus und schien daraus eine eigentümliche Form von Existenzbestätigung zu ziehen. Bereits in dieser frühen Phase wurde deutlich, daß ihr Auftreten nicht nur ästhetisch, sondern existenziell gemeint war: ein Leben im Modus der Grenzüberschreitung.
Inszenierung, Körper und Selbstentfremdung
In der detaillierten Schilderung einer nächtlichen Begegnung zeigte sich Berbers Erscheinung als radikal künstlich. Ihr Gesicht erschien als Maske, ihre Stimme als überreizt, ihre Erzählungen als Mischung aus Fantasie und Übertreibung. Der exzessive Konsum von Kokain wurde dabei nicht moralisch bewertet, sondern als Teil einer umfassenden Selbstinszenierung verstanden. Hier trat eine Figur hervor, die sich selbst nicht mehr als natürliche Person präsentierte, sondern als ästhetisches Objekt, als bewußt erzeugte Erscheinung. Diese Form der Selbstentfremdung war nicht bloß persönlicher Verfall, sondern Ausdruck eines Lebens, das sich vollständig in Darstellung auflöste.
Beziehung zu Henri und das Moment der Hingabe
Von besonderer Bedeutung war die Beziehung zu ihrem Ehemann Henri. In dessen Haltung erkannte Klaus Mann eine Form radikaler Hingabe: Henri liebte Anita nicht trotz ihres Lebens, sondern gerade in seiner Unverständlichkeit. Während die Öffentlichkeit sie verurteilte, sah er in ihr etwas „Wunderbares“, das sich rationaler Erklärung entzog. Diese Konstellation eröffnete eine zweite Perspektive auf Berber: Nicht nur als Skandalfigur, sondern als Mensch, dessen Wesen sich der moralischen Einordnung entzog und nur im Modus persönlicher Bindung erfahrbar wurde.
Isolation und Eskalation des Skandals
Im weiteren Verlauf beschrieb Klaus Mann eine zunehmende soziale Isolation Berbers. Trotz ihrer Berühmtheit lebte sie in einer Art existenzieller Einsamkeit. Der Skandal wurde zur Notwendigkeit, fast zur Lebensbedingung: Je stärker die gesellschaftliche Ablehnung, desto radikaler ihr Verhalten. Körperliche Gewalt, öffentliche Provokationen und Grenzüberschreitungen gehörten zu dieser Eskalation. Berber erschien hier als Figur, die nicht mehr zwischen Selbstbehauptung und Selbstzerstörung unterscheiden konnte – oder wollte.
Die Szene der Demütigung als gesellschaftliches Urteil
Eine zentrale Episode bildete die Schilderung eines gesellschaftlichen Abends, bei dem Berber öffentlich gedemütigt wurde. Obwohl zunächst bewundert, wurde sie schließlich als „nicht eingeladen“ zurückgewiesen und körperlich angegriffen. Diese Szene verdichtete das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft: Bewunderung und Verachtung lagen eng beieinander, und die Gesellschaft entzog der von ihr selbst hervorgebrachten Figur letztlich die Legitimation. Die Gewalt erschien nicht als Ausnahme, sondern als Konsequenz einer zuvor stillschweigend akzeptierten Grenzüberschreitung.
Verfall, Krankheit und Entblößung
In einer späteren Begegnung im Umfeld von Magnus Hirschfeld zeigte sich Anita Berber ohne Maske. Ihr körperlicher Zustand war gezeichnet von Krankheit und Erschöpfung. Die zuvor künstlich geschaffene Erscheinung war verschwunden, und zum Vorschein kam eine verletzliche, fast kindliche Gestalt. Diese Entblößung bedeutete jedoch keine Rückkehr zur „authentischen“ Person, sondern offenbarte vielmehr die vollständige Erschöpfung eines Lebens, das sich in Darstellung verausgabt hatte.
Tod und „Logik“ des Lebenslaufs
Berbers früher Tod wurde von Klaus Mann nicht als tragischer Zufall interpretiert, sondern als konsequente Fortsetzung ihres Lebens. Der schnelle Aufstieg, die extreme Selbstinszenierung und der ebenso schnelle Zusammenbruch erschienen als in sich geschlossene Bewegung. Ihr Ende – verarmt, krank und isoliert – wurde als Teil derselben Logik verstanden, die zuvor ihren Ruhm getragen hatte. In dieser Perspektive verlor das individuelle Mitleid an Gewicht gegenüber einer fast ästhetischen Betrachtung des Lebens als Ganzes.
Gesellschaftliche Deutung und abschließende Reflexion
Abschließend deutete Klaus Mann Anita Berbers Leben sowohl als individuelles Schicksal als auch als Symptom ihrer Zeit. Die Nachkriegsgesellschaft habe ihren Exhibitionismus gefördert und zugleich moralisch verurteilt. Damit wurde Berber zur Figur eines grundlegenden Widerspruchs: gefeiert und ausgestoßen zugleich. Dennoch blieb offen, ob ihr Leben auch anders hätte verlaufen können. Klaus Mann ließ die Möglichkeit anklingen, daß Berber ihr Schicksal selbst gewählt habe – nicht im Sinne freier Entscheidung, sondern als Ausdruck einer „extremen Natur“, die nur in der Radikalität ihrer Existenz bestehen konnte.
So erschien ihr Leben letztlich als Darstellung eines gefährlichen Glanzes, dessen Faszination untrennbar mit seinem Untergang verbunden war.
Fußnoten / Einzelnachweise
- ⇫ Leo Lania: 'Der Tanz ins Dunkel. Anita Berber. Ein biographischer Roman.'; Adalbert-Schultz-Verlag; Berlin; 1929
Hinweis
Bitte beachten Sie, daß die Inhalte von Archivalien nicht mehr dem heutigen Wissensstand oder der aktuellen Rechtslage entsprechen könnten.
letzte Bearbeitung: 25.04.2026
