Bi(-/+)Archiv
Broschüren, Studien, Flyer, Photo's, Zeitschriften, Filme, Bücher zum Thema Bisexualität / Multisexualität.
ArchivID
851
Kategorie
Ursprungsland
Vereinigte Staaten von Amerika (USA)
Sprache
Deutsch
Jahr
1974
Seiten
189
Autor* / Autorin*
James Leo Herlihy
Übersetzer* / Übersetzerin*
Walter Hasenclever
Umschlagentwurf / Titelbild
Celestino Piatti
Vorlage
Im Bi(-/+) Archiv seit dem
03.03.2025
Im Bi(-/+) Archiv veröffentlicht
21.06.2026
Archiviertes Format
Stichworte
#1965 #Abhängigkeit #Ambiguität #Identität #Männlich #Migration #New York #New York City #Sexarbeit #Texas #USAMitternachts-Cowboy

Ein junger Mann verläßt Texas und landet in New York. Eine Bewegung, die weniger Entscheidung als Verschiebung ist: von einem Ort, an dem wenig möglich ist, in einen Raum, der nichts verspricht außer Dichte.
Die Großstadt zeigt sich nicht als Bühne, sondern als Unruhe. Menschen erscheinen, wirken, verschwinden wieder aus der Wahrnehmung. Joe Buck bewegt sich durch diese Konstellation, ohne daß sich daraus ein fester Standpunkt ergibt. Beziehungen entstehen nicht als Stabilität, sondern als kurzfristige Verknüpfungen im Alltag der Unsicherheit.
Was Vergangenheit heißt, bleibt im Text nicht geschlossen. Erinnerungen treten auf, aber nicht als Ordnungssystem, sondern als lose Fragmente, die den gegenwärtigen Ablauf unterbrechen, ohne ihn zu erklären. Nähe und Zurückweisung stehen nebeneinander, ohne sich gegenseitig aufzulösen.
Der Roman wird später zur Vorlage eines Films ("Asphalt-Cowboy"). Dabei verschiebt sich der Schwerpunkt: aus innerer Zerstreuung wird äußere Verdichtung, aus Erinnerungsbewegung sichtbare Handlung. Nicht daß etwas fehlt, sondern daß etwas anders organisiert wird.
Der Text selbst bleibt näher an der Unbestimmtheit. Er arbeitet weniger mit Entwicklung als mit Zuständen, weniger mit Abschluß als mit Übergängen. Was sich zeigt, ist kein Verlauf, sondern eine Folge von Situationen, die nicht vollständig ineinander übergehen.
Kommentar Bi(-/+) Archiv
Zusätzliche Informationen, Hintergrundwissen, Fakten oder Meinungen zu diesem Archivstück.Ausgangssituation
Der Roman Midnight Cowboy von James Leo Herlihy setzt bei Joe Buck in Texas ein. Er wird als junger Mann eingeführt, dessen biografische Situation durch soziale Isolation, emotionale Vernachlässigung und eine unklare Perspektive auf Zukunft geprägt ist. Der Entschluß, nach New York zu gehen, entsteht weniger aus einer stabilen Planung als aus einer Mischung aus Erwartung, Projektion und ökonomischer Notwendigkeit. Die Großstadt erscheint dabei nicht als konkret erfahrener Ort, sondern als abstrakte Möglichkeit gesellschaftlicher Neuverortung.
Verlauf der Handlung
Die Handlung folgt Joe Bucks Ankunft und seinem Versuch, in New York als männlicher Sexarbeiter zu überleben. Seine Erfahrungen sind von Instabilität geprägt: wechselnde Begegnungen, ökonomische Abhängigkeit und wiederkehrende Zurückweisungen strukturieren seinen Alltag. Parallel dazu entwickelt sich die Beziehung zu „Ratso“ Rizzo, die zunächst funktional beginnt und sich schrittweise zu einer Form von gegenseitiger Fürsorge verdichtet. Der Roman beschreibt diese Verbindung nicht als stabile Bindung, sondern als prekäre Koexistenz zweier Figuren, die jeweils auf die Ressourcen des anderen angewiesen sind.
Erzählweise und Struktur
Die Erzählstruktur ist nicht linear im Sinne einer geschlossenen Entwicklungslogik, sondern arbeitet mit Rückblenden, Erinnerungsfragmenten und inneren Verschiebungen. Insbesondere Joe Bucks Vergangenheit wird nicht als abgeschlossene Vorgeschichte präsentiert, sondern als fortlaufend wirksame Bezugsebene seiner Wahrnehmung. Die Darstellung von Sexualität, sozialen Kontakten und Identitätsfragen bleibt dabei situativ und kontextabhängig, ohne in feste Kategorien überführt zu werden. Dadurch entsteht eine Perspektive, in der individuelle Erfahrung weniger als kohärente Identität erscheint, sondern als Sammlung voneinander getrennter, teilweise widersprüchlicher Ereignisse.
Film versus Buch
Der Roman Midnight Cowboy von James Leo Herlihy legt den Schwerpunkt stärker auf Joe Bucks Vorgeschichte. Seine Kindheit und Jugend in Texas werden ausführlicher erzählt und erklären seine spätere Orientierung nach New York. Diese biografischen Abschnitte geben mehr Kontext für seine Unsicherheit, sein Bedürfnis nach Anerkennung und seine Vorstellung von Männlichkeit.
Im Vergleich dazu wirkt die filmische Version stärker verdichtet. Der Film reduziert die Vorgeschichte deutlich und setzt früher in der New-York-Handlung ein. Dadurch verschiebt sich der Fokus weg von der Entwicklungsgeschichte hin zu einer konzentrierten Milieustudie der Großstadt und der Beziehung zwischen Joe Buck und Ratso Rizzo.
Auch die Darstellung von Sexualität und Beziehungen ist unterschiedlich akzentuiert: Der Roman arbeitet stärker mit inneren Zuständen, Erinnerungen und wechselnden Erfahrungen, während der Film diese Aspekte stärker über Situationen und Begegnungen im Großstadtmilieu vermittelt. Dadurch erscheint der Roman insgesamt breiter und psychologisch ausdifferenzierter, der Film dagegen kompakter und symbolisch zugespitzter.
Hinweis
Bitte beachten Sie, daß die Inhalte von Archivalien nicht mehr dem heutigen Wissensstand oder der aktuellen Rechtslage entsprechen könnten.
letzte Bearbeitung: 22.06.2026
