Bi(-/+)Archiv
Broschüren, Studien, Flyer, Photo's, Zeitschriften, Filme, Bücher zum Thema Bisexualität / Multisexualität.
ArchivID
874
Kategorie
Publikation -> Information, Bericht
Autor* / Autorin*
Dr. Laura Adamietz;
Dr. phil. Claudia Krell;
Prof. Dr. med. Volkmar Sigusch;
Prof. Dr. phil. Heinz-Jürgen Voß;
Herausgeber* / Herausgeberin*
Quelle
Datenstand dieser Publikation
06.03.2020
Im Bi(-/+) Archiv seit dem
13.09.2025
Im Bi(-/+) Archiv veröffentlicht
30.11.2025
Archiviertes Format
Stichworte
#2020 #Äußeres Coming-out #BiErasure #Bisexualität #BiVisibility #BZgA #Coming-out #Diskriminierung #geschlechtliche Identität #Gesundheitsforschung #Heteronormativität #Inneres Coming-out #Intersexualität #Jugend #Jugendforschung #Multisexuell #Queer #Sex #Sexualforschung #Sexualwissenschaft #sexuelle Fluidität #sexuelle Identität #sexuelle Orientierung #Studierendenforschung #Trans* #Transidentität #VielfaltBZgA-Forum 1-2015: Geschlechtsidentität und sexuelle Orientierungen

© BZgA
Die Publikation ist ein BZgA-FORUM (1-2015) mit mehreren Fachbeiträgen zu Geschlechtsidentität und sexuellen Orientierungen. Sie bündelt Aufsätze aus Sexualwissenschaft, Medizin, Soziologie und Jugendforschung sowie Ergebnisteile zu Studien über Studierende und LSBTIQNA*-Jugendliche. Der Band behandelt historische, biologische, rechtliche und psychosoziale Perspektiven und enthält außerdem Berichte zu Forschungsprojekten und Praxisinitiativen.
Relevanz
Weshalb im Bi(-/+)Archiv?! Wo ist der Bezug zur Bisexualität / Multisexualität?Das BZgA-Forum ”Geschlechtsidentität und sexuelle Orientierungen“ (1-2015) ist kein spezialisiertes Werk über Bisexualität, aber es gehört zu den wenigen deutschsprachigen Fachpublikationen einer staatlichen Institution, die Bisexualität und multisexuelle Orientierungen nicht nur erwähnen, sondern methodisch sauber in Studien berücksichtigen.
Kommentar Bi(-/+) Archiv
Zusätzliche Informationen, Hintergrundwissen, Fakten oder Meinungen zu diesem Archivstück.Historischer und theoretischer Rahmen — Sigusch: ”Sexuelle Vielfalt als Geschichte zunehmender Akzeptanz“
Volkmar Sigusch zeichnet einen langen historischen Bogen: Sexualität als Kulturform ist relativ jung; es gab mehrere «sexuelle Revolutionen» (um 1900 und um 1968) und seit den 1980er-Jahren eine von ihm so genannte neosexuelle Revolution, die Geschlecht, Beziehungsformen und Sexualpraktiken weiter diversifiziert. Sigusch betont, dass Homosexuelle- und Lesbenbewegungen Vorreiter für diese Veränderungen waren und kulturelle Muster vorwegnahmen, die später breiter wurden (z. B. Auflösung rigider Geschlechtsrollen, Flexibilisierung von Beziehungsformen). Er beschreibt den fortbestehenden Konflikt: wachsende Offenheit einerseits, weiterhin starke Diskriminierung und Gewalt gegen sexuelle Minderheiten andererseits.
Biologisches Geschlecht im Kontext — Voß: Präformation vs. Epigenese, gesellschaftliche Einbettung
Heinz-Jürgen Voß diskutiert kritisch gängige biologische Erklärungsmodelle für Geschlecht. Er kontrastiert *präformations-*Ansätze (starke genetische Determination) mit epigenetisch-entwicklungsorientierten Modellen, die Entwicklung als Ergebnis zahlreicher Wechselwirkungen sehen (Gene × Zellprozesse × Umwelt). Ergebnis: körperliche Merkmale entwickeln sich individuell, mehrstufig und sind nicht einfach binär vorherbestimmt; das erschüttert einfache Dichotomien «männlich/weiblich». Voß verknüpft diese naturwissenschaftliche Perspektive mit einer Analyse, wie Kategorisierungen (Geschlecht, Rasse, Klasse) historisch zur Herrschaftsbildung und Privilegverteilung dienten — also: «biologische» Kategorien sind sozial eingebettet und politisch wirksam.
Intersexualität — pragmatische, ethische und rechtliche Fragen
Der Beitrag zur Intersexualität (u. a. zusammenfassend auf Basis der Deutschen Ethikrat-Stellungnahme) beschreibt, wie medizinische Praxis lange pathologisiert und frühoperative Standardmaßnahmen (Optimal Gender Policy) praktiziert wurden. Die neuere Debatte empfiehlt, medizinische Eingriffe zu restriktiver Handhabung, mehr Aufklärung, interdisziplinäre Kompetenzzentren und die Möglichkeit, im Personenstandsregister neben ”weiblich“/”männlich“ eine Kategorie ”anderes“ einzuführen oder die Eintragung bis zur Entscheidungsreife offenzuhalten. Das Kapitel verweist zudem auf Kritik von Betroffenenorganisationen gegenüber bestimmten Empfehlungen (Debatte um elterliche Einwilligung vs. körperliche Unversehrtheit).
Empirische Befunde zu sexueller Orientierung — Studierende, Trends, Mono- vs. Bisexualität
Die Veröffentlichung enthält Auswertungen aus wiederholten Erhebungen bei 20–30-jährigen Studierenden (1966, 1981, 1996, 2012). Kernergebnisse: der Anteil, der sich als vorwiegend/ausschließlich heterosexuell bezeichnet, ist sehr hoch; der Anteil, der vorwiegend/ausschließlich homo- oder bisexuell angibt, liegt zusammen in der Regel um ~4–6% in den untersuchten Stichproben. Explizit: die Kategorie ”bisexuell“ wurde in den Daten regelmäßig genannt (bei Frauen etwas häufiger als bei Männern) und Frauen zeigen insgesamt größere Flexibilität in Selbstzuordnungen (höherer Anteil ”vorwiegend heterosexuell“ vs. ”ausschließlich“; Unsicherheit bezüglich Dauerhaftigkeit der Orientierung ist bei Frauen öfter vertreten). Diese Zahlen stammen aus den Studien in der Publikation und werden tabellarisch präsentiert.
Bisexualität / Multisexualität in den BZgA-Fachbeiträgen
Begriffliche Einordnung und Kontext
Die Publikation versteht sexuelle Orientierung grundsätzlich als Spektrum. Im empirischen Teil der Studien taucht Bisexualität neben homo- und heterosexueller Orientierung als reguläre, eigenständige Kategorie auf. Zusätzlich wird sichtbar, dass manche Befragte sich bewußt außerhalb klassischer Kategorien verorten (”queer“, ”anderes“, ”keine Kategorie“). Damit wird Multisexualität als reale Erscheinungsform von Vielfalt anerkannt, nicht als Ausnahme oder Übergangsphase.
Verbreitung und demografische Muster
In den wiederholten Studierendenbefragungen verschiedener Jahrgänge (1966–2012) zeigt sich durchgehend ein kleiner, aber stabiler Anteil von Personen, die sich selbst als bisexuell bezeichnen. Auffällig ist ein Geschlechterunterschied: Frauen geben häufiger bisexuelle Orientierungen oder flexible Muster (”vorwiegend heterosexuell“, aber nicht ausschließlich) an. Männer ordnen sich öfter eindeutig zu.
Die Publikation interpretiert dieses Muster nicht pathologisierend, sondern verweist auf unterschiedliche soziale Normen, Selbstoffenbarungsbarrieren und geschlechtsbezogene Rollenerwartungen.
Multisexualität und sexuelle Fluidität
Bei Frauen finden sich laut den Daten tendenziell mehr Hinweise auf sexuelle Fluidität. Dies bedeutet: einige Befragte gehen davon aus, daß sich ihre Orientierung im Lebensverlauf verändern kann. Die Publikation bewertet das neutral und zeigt, dass Sexualität nicht für alle Menschen starr oder fix ist.
Die Möglichkeit fluiden Erlebens wird nicht als ”Unentschlossenheit“ oder ”Durchgangsstufe“ beschrieben, sondern als legitime Variante sexueller Orientierung.
Jugendforschung: Bisexuelle Jugendliche und ihre Lebenslagen
In der DJI-Pilotstudie (zu LGBT*-Jugendlichen) zeigt sich:
- Bisexuelle Jugendliche sind sichtbar, aber oft unterstützungsschwach.
- Sie teilen Diskriminierungserfahrungen mit lesbischen und schwulen Jugendlichen, berichten aber zusätzlich von Unsichtbarkeit, fehlender Anerkennung und Unterschätzung ihrer spezifischen Bedürfnisse.
- achkräfte betonen, daß es kaum jugendgerechte Beratungsangebote gibt, die Bisexualität als eigenes Thema ernst nehmen.
- Coming-out-Prozesse gestalten sich teilweise komplizierter, da Jugendumgebungen oft nur homo/hetero denken.
Forschungsstand und Datenlücken
Die Publikation benennt klar:
- Bisexualität wird in vielen Sozial- und Gesundheitsstudien unzureichend erfaßt.
- Häufig fehlen differenzierte Kategorien oder ausreichende Stichprobengrößen für multisexuelle Gruppen.
- Dadurch bleiben viele übergreifende Fragen zu Lebensqualität, Gesundheit, Diskriminierung und spezifischen Bedarfen bisexueller Menschen empirisch kaum beantwortet.
- Die Autorinnen/Autoren fordern explizit bessere Datenerhebung und mehr Aufmerksamkeit für die Lebensrealitäten multisexueller Personen.
Queere Selbstbezeichnungen
Ein wiederkehrendes Thema ist, dass junge Menschen häufiger alternative oder queere Begriffe nutzen, die starre Kategorien auflösen. Dazu gehört:
- queer
- genderfluid
- non-binary
- ”keine der genannten Kategorien“
Diese Offenheit zeigt, dass Multisexualität und nicht-exklusive Orientierungen heute in ein breiteres Feld queerer Identitätskonzepte eingebettet sind.
Handlungsbedarfe
Die BZgA-Publikation nennt mehrere strukturelle Bedarfe, die besonders für bi- bzw. multisexuelle Menschen relevant sind:
- mehr Bildungsangebote, die Bi+ nicht als Randthema behandeln
- verbesserte Beratungsstrukturen für Jugendliche
- stärkere Sichtbarkeit in Forschung und Öffentlichkeit
- Sensibilisierung gegenüber Bi-Unsichtbarkeit und Vorurteilen
- differenzierte Erhebungskategorien in Studien
Hinweis
Bitte beachten Sie, daß die Inhalte von Archivalien nicht mehr dem heutigen Wissensstand oder der aktuellen Rechtslage entsprechen könnten.
letzte Bearbeitung: 21.04.2026
