Bi(-/+)Archiv
Broschüren, Studien, Flyer, Photo's, Zeitschriften, Filme, Bücher zum Thema Bisexualität / Multisexualität.
ArchivID
890
Originaltitel
Les Biches
Kategorie
Ursprungsland
Frankreich
Sprache
Deutsch
Jahr
1968
Spieldauer
95 min
Darsteller* / Darstellerin*
Drehbuch
Kamera
Musik
Preise / Auszeichnungen
Produktion
Produktionsland
Produzent* / Produzentin*
Regie
Schnitt / Montage
Synchronsprecher* / Synchronsprecherin*
Im Bi(-/+) Archiv seit dem
16.02.2026
Im Bi(-/+) Archiv veröffentlicht
10.04.2026
Archiviertes Format
Noch gesuchtes Format
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Stichworte
#1968 #Bisexualität #Bisexuelle Lebensmodelle #Dreiecksbeziehung #Eifersucht #Emotionaler Mißbrauch #Frankreich #Identität #Mord #PolyamoryZwei Freundinnen (Les Biches)

Claude Chabrol's Film ”Zwei Freundinnen“ erzählt nicht nur die Geschichte eines Liebesdreiecks, sondern untersucht subtil die Dynamiken von Begehren, Macht und Besitz innerhalb bisexueller Beziehungen. Frédérique, eine wohlhabende Frau aus Paris, trifft die junge Straßenkünstlerin Why zufällig in der Stadt. Bereits in ihrer ersten Begegnung spiegelt sich ein Spiel aus Faszination und Vorsicht wider: Frédérique ist neugierig und dominant, während Why neugierig und gleichzeitig vorsichtig ist. Diese erste Szene, in der Frédérique Why einlädt, Zeit bei ihr zu verbringen, etabliert die Basis für eine Beziehung, die sowohl emotional abhängig als auch erotisch aufgeladen ist.
Relevanz
Weshalb im Bi(-/+)Archiv?! Wo ist der Bezug zur Bisexualität / Multisexualität?Als früher europäischer Film, der eine Beziehung zwischen zwei Frauen mit einer zusätzlichen heterosexuellen Dynamik verknüpft, besitzt Zwei Freundinnen dokumentarischen Wert für ein Bi-Archiv. Die Darstellung zeigt Bisexualität nicht als Randmotiv, sondern als Bestandteil von Begehren, Macht und Beziehungskonflikten im Kino der späten 1960er Jahre. Damit bietet der Film ein zeitgeschichtlich relevantes Beispiel für ambivalente, aber ernsthafte bisexuelle Figurenkonstellationen vor der breiteren queeren Sichtbarkeit der 1970er Jahre.
Die sexuelle Orientierung der Figuren wird als Teil der psychologischen Dynamik gezeigt, nicht als bloßes Plot-Element. Frédérique und Why erleben gegenseitige Anziehung und Zuneigung, was die bisexuelle Dimension des Films unterstreicht. Paul fungiert dabei als Katalysator der Konflikte, wodurch Macht, Besitzdenken und emotionale Abhängigkeit in den Vordergrund treten. Der Film ist psychologisch distanziert erzählt und reflektiert das Thema Bisexualität im Kontext von Begehren und Beziehungsdynamiken.
Kommentar Bi(-/+) Archiv
Zusätzliche Informationen, Hintergrundwissen, Fakten oder Meinungen zu diesem Archivstück.In der Villa an der Côte d’Azur zeigt sich die bisexuelle Dimension besonders. Eine Schlüsselszene ist, als Frédérique Why in den Garten führt, wo sie in aller Ruhe miteinander sprechen, lachen und sich körperlich annähern. Die Kamera fokussiert auf subtile Berührungen – Hände, Schultern, Blicke – ohne explizite Sexualisierung, wodurch die Spannung zwischen Nähe, Verlangen und Macht sichtbar wird. Parallel wird die Villa als privater Raum inszeniert, in dem Regeln und soziale Erwartungen außen vor sind, was die emotionale Intensität der Beziehung verstärkt.
Die Einführung von Paul bringt die Dynamik des Dreiecks ins Spiel. In einer zentralen Szene auf einer Party trifft Why Paul und verbringt die Nacht mit ihm. Frédérique beobachtet dies aus der Distanz, zunächst verletzt und später eifersüchtig. Die Eifersucht ist jedoch nicht nur romantischer Natur, sondern verknüpft mit Besitzdenken und der Angst vor Verlust emotionaler Kontrolle. Chabrol inszeniert dies durch parallele Einstellungen: Why in zärtlicher Nähe zu Paul, Frédérique isoliert im Hintergrund, ihre Blicke vermitteln gleichzeitig Begehren und Kontrolle.
Eine weitere bedeutende Szene ist das gemeinsame Zusammensein von Frédérique und Why, nachdem Paul in die Villa gezogen ist. Why versucht wiederholt, Frédérique zurückzugewinnen, während Frédérique zwischen ihrer Macht über Why und ihrer eigenen Lust an Paul schwankt. In intimen Momenten, wie beim Spielen von Karten oder Spaziergängen am Strand, zeigt sich die psychologische Spannung: Nähe und Distanz wechseln sich ab, kleine Gesten – eine Berührung am Arm, ein langer Blick – zeigen Begehren und die Angst, den anderen zu verlieren.
Das tragische Finale unterstreicht die eskalierende Dynamik: Why tötet Frédérique mit einem vergifteten Messer. Diese Szene ist zugleich Ausdruck von Liebe, Verzweiflung und Besitzstreben. Paul wird als Zeuge und indirekter Auslöser der Konflikte dargestellt, während die zentrale Spannung zwischen den beiden Frauen kulminiert. Chabrol bleibt in der Darstellung psychologisch beobachtend und vermeidet sensationalistische Übertreibungen, wodurch die bisexuelle Dimension der Beziehung weiterhin ernsthaft und emotional tiefgehend bleibt.
Die musikalische Untermalung in ”Zwei Freundinnen“ ist stellenweise sehr präsent und wirkt aus heutiger Perspektive teilweise überbetont, wodurch sie nicht in allen Szenen als unterstützend empfunden werden könnte.
Rechtlicher Hintergrund
Aus rechtlicher Sicht war homosexuelles und bisexuelles Verhalten in Frankreich 1968 nicht strafbar (seit Ende des 18. Jahrhunderts), wodurch Chabrol's Film innerhalb des Landes keine rechtlichen Tabus brach. In Deutschland hingegen galt Homosexualität nach §175 StGB noch bis 1994 als strafbar. Daß ”Zwei Freundinnen“ dennoch gezeigt wurde, läßt sich durch die subtile Inszenierung erklären: Die Darstellung gleichgeschlechtlicher Anziehung zwischen Frédérique und Why ist psychologisch und symbolisch gehalten, weniger explizit sexualisiert. Auf diese Weise konnte der Film auch in strengeren Rechtskontexten öffentlich gezeigt werden, ohne juristische Probleme hervorzurufen.
Psychologische und thematische Analyse
Die wiederkehrenden Szenen subtiler körperlicher Nähe, die wechselnde Dominanz zwischen Frédérique und Why und die Einbeziehung von Paul verdeutlichen, dass Bisexualität im Film nicht nur als sexuelles Merkmal dient, sondern als integraler Bestandteil der psychologischen Beziehungen. Die Figuren handeln nicht nur aus Lust, sondern auch aus Abhängigkeit, Angst und Besitzstreben. Macht und Kontrolle wechseln zwischen den Frauen und werden durch die Anwesenheit eines männlichen Partners verstärkt, wodurch ein komplexes Beziehungsgeflecht entsteht. Subtil inszenierte Blicke, Berührungen und Körperhaltungen fungieren als filmische Mittel, um die Spannung zwischen Nähe und Distanz, Begehren und Kontrolle sichtbar zu machen.
Historischer Kontext
1968 war die explizite Darstellung queerer oder bisexueller Beziehungen im europäischen Kino selten. Chabrol's Film zeigt, wie Bisexualität subtil, aber psychologisch fundiert inszeniert werden kann. Durch die Szenenwahl, die Kameraführung und die psychologische Beobachtung vermittelt der Film ein Verständnis für die emotionale Komplexität bisexueller Beziehungen, ohne auf voyeuristische Mittel zurückzugreifen. Im Kontext seiner Entstehungszeit gilt ”Zwei Freundinnen“ daher als früher und bemerkenswerter Beitrag zu queeren Filmfiguren.
Interpretation
”Zwei Freundinnen“ kann als Studie über Macht, Besitz, Begehren und Identität gelesen werden, in der Bisexualität integraler Bestandteil der Figurenpsychologie ist. Die Analyse einzelner Szenen zeigt, wie emotionale Nähe, erotische Spannung und Konflikte miteinander verschränkt sind. Chabrol stellt die Beziehung zwischen Frédérique und Why als ein komplexes Wechselspiel von Liebe, Abhängigkeit und Besitz dar, in dem Paul als Katalysator wirkt. Der Film bleibt damit sowohl psychologisch tiefgehend als auch relevant für die Diskussion über die Darstellung bisexueller Beziehungen im Kino der 1960er Jahre.
letzte Bearbeitung: 07.04.2026
