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Broschüren, Studien, Flyer, Photo's, Zeitschriften, Filme, Bücher zum Thema Bisexualität / Multisexualität.

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                          konkret; 4/1977

                          Publikation: Zeitschrift, ArchivID: 917
                          Konkret 4/77; Themen: Feminismus77 - Schwach auf der Brust, Der totale Atomstaat, Interview mit Bürgerrechtler Wüstenhagen, Luis Corvalan: Ich gehe zurück zu Pinochet. Dazu das Titelbild: männliche Hand mit stark behaartem Arm, hat die rechte Brust einer nackten und liegenden Frau im Griff.

                          „konkret“ ist eine 1957 aus dem „Studentenkurier“ hervorgegangene deutsche politische Zeitschrift. Unter Klaus Rainer Röhl entwickelte sie sich in den 1960er Jahren zu einem bedeutenden Publikationsorgan der westdeutschen Studentenbewegung und der außerparlamentarischen Opposition. Nach dem Konkurs von 1973 wurde der Titel 1974 unter neuen verlegerischen Bedingungen von Hermann L. Gremliza fortgeführt. Gremliza erwarb die Titelrechte und gründete den Neuen Konkret Verlag, in dem die Zeitschrift fortan als monatlich erscheinende, dezidiert linke Publikumszeitschrift herausgegeben wurde. Die „neue“ konkret verband politische und gesellschaftskritische Beiträge mit Themen aus Kultur, Sexualität und gesellschaftlicher Emanzipation. Das vorliegende Heft 04/1977 gehört somit zur frühen Gremliza-Phase.

                          Artikel: ‚Feminismus und Homosexualität‘

                          Der Artikel ist nicht nur allgemein zu Bisexualität, sondern dokumentiert sehr konkret eine kritische bis teilweise ablehnende Position gegenüber dem damaligen Bisexualitätsdiskurs.

                          Kommentar Bi(-/+) Archiv

                          Zusätzliche Informationen, Hintergrundwissen, Fakten oder Meinungen zu diesem Archivstück.

                          Einordnung des Textes

                          Der von Günter Amendt verfaßte Artikel „Feminismus und Homosexualität“ erschien in konkret, Heft 4/1977, auf den Seiten 15 bis 17. Schon die Gestaltung des Artikels macht deutlich, daß Amendt das Thema nicht als unpolitische Sexualkunde behandelt, sondern als Auseinandersetzung mit den theoretischen und politischen Positionen des damaligen Neo-Feminismus. Der Untertitel auf der ersten Artikelseite lautet zugespitzt: „Feminismus ist die Theorie – Lesbianismus ist die Praxis“; homosexuelle Feministinnen würden damit den Frauen eine neue sexuelle Abhängigkeit aufzwingen. Damit ist die Stoßrichtung des Artikels bereits vorgegeben: Amendt akzeptiert wesentliche Teile der feministischen Kritik an patriarchalen Geschlechterverhältnissen, wendet sich aber gegen die Schlußfolgerung, „Lesbianismus“ müsse daraus zwangsläufig als sexuelle Praxis folgen.

                          Weibliche Homosexualität als Emanzipationsgewinn

                          Amendt beginnt mit der Feststellung, daß die gegenüber Männern geringere Zahl öffentlich erkannter homosexueller Frauen lange als Rätsel galt. Er stellt die damals verbreitete Einschätzung der Ergebnisse des Kinsey-Reports infrage und verweist auf eine zunehmende Sichtbarkeit weiblicher Homosexualität. Dabei unterscheidet er ausdrücklich zwischen der tatsächlichen Entwicklung sexuellen Verhaltens und dem Umstand, daß mehr Frauen ihre homosexuelle Identität erkennen und benennen. Besonders wichtig ist ihm, daß Frauen, die sich bislang für heterosexuell hielten, entdecken können, daß sie homosexuell sind. Die Frauenbewegung habe diese Entwicklung begünstigt und damit eine wichtige Funktion erfüllt, weil viele Frauen ihre homosexuelle Identität erst spät erkennen und zuvor unter einer „sexuellen Nicht-Identität“ leiden, die von Männern als vermeintliche Zickigkeit und von Medizinern oder Therapeuten als Frigidität interpretiert worden sei.

                          Amendt stützt diese Darstellung mit statistischen Angaben zu Unterschieden zwischen homosexuellen Männern und Frauen. Danach hätten im Alter von 16 Jahren wesentlich mehr homosexuelle Jungen als Mädchen eine mögliche eigene Homosexualität erkannt; auch Erfahrungen mit gleichgeschlechtlichem Geschlechtsverkehr seien bei den befragten Männern wesentlich häufiger. Diese Unterschiede deutet er vor allem als zusätzliche gesellschaftliche Benachteiligung homosexueller Frauen. Bemerkenswert ist, daß er die Frage der Entstehung von Homosexualität anschließend ausdrücklich von der Frage der gesellschaftlichen Verarbeitung trennt: Welche biologische oder psychologische Theorie sich zur Entstehung der Homosexualität letztlich als richtig erweisen werde, sei für die Betroffenen wenig entscheidend, weil diese Entstehung nicht bewußt gesteuert werden könne. Entscheidend sei vielmehr der Zeitpunkt, an dem die eigene Homosexualität erkannt und verarbeitet werde. Genau dort sei gesellschaftliche Beeinflussung möglich, und dort könne die Frauenbewegung nach Amendts Beobachtung eine beinahe therapeutische Funktion erfüllen.

                          Der feministische Hauptwiderspruch

                          Anschließend richtet Amendt seine Kritik gegen die theoretischen Grundlagen des Neo-Feminismus. Dessen gesellschaftliche Hauptkategorie sei der „Antagonismus der Geschlechter“: Die Beziehung von Frauen und Männern werde als Verhältnis von Herrschaft und Unterordnung verstanden, dessen Ursache im Patriarchat liege und dessen Erscheinungsform der Sexismus sei. Aus dieser Theorie leite sich ein einheitliches Interesse der Frauen ab, nämlich die Bekämpfung der Männerherrschaft. Werde diese Theorie auf das Sexualverhalten übertragen, erscheine die Formel „Feminismus ist die Theorie – Lesbianismus die Praxis“ zunächst konsequent. Amendt räumt sogar ausdrücklich ein, daß diese Folgerung innerhalb der eigenen Theorie eine innere Logik besitze: Ein radikal feministisches Leben, das sich von Männern abwendet und gegen Männer gerichtet ist, könne als Konsequenz unter anderem zur Homosexualität führen. Seine entscheidende Einschränkung lautet jedoch: „Wenn die Theorie stimmt.“

                          Damit verschiebt sich der Artikel von einer Auseinandersetzung mit konkreten Erfahrungen zu einer grundsätzlichen Kritik an einer bestimmten feministischen Theorieform. Amendt ordnet den Neo-Feminismus gemeinsam mit anderen Protestbewegungen als „single-point-movements“ ein und kritisiert deren Tendenz, gesellschaftliche Konflikte auf einen einzelnen Grundwiderspruch zu reduzieren. Seine Polemik richtet sich zugleich gegen die feministische Sprachpolitik. Besonders scharf lehnt er die Selbstbezeichnungen „Lesben“ und „Schwule“ ab, die er als Übernahme der Sprache der Verfolger versteht. In diesem Zusammenhang benutzt er selbst eine heute klar rassistische und verletzende Wortwahl, um den Mechanismus von Selbstbezeichnung und Fremdbezeichnung zu illustrieren. Diese Passage ist aus heutiger Sicht nicht nur wegen ihrer Sprache problematisch, sondern zeigt auch, wie stark der Text selbst in den politischen Sprachkämpfen seiner Zeit steht.

                          Wo der Sexismus erklärt – und wo er für Amendt nicht mehr erklärt

                          Amendt gesteht der feministischen Sexismusanalyse zu, zahlreiche Erfahrungen von Frauen verständlich machen zu können. Viele Frauen könnten in der Kritik an Sexismus ihre eigenen Erfahrungen wiedererkennen und in der persönlichen Erfahrung männlicher Herrschaft den Ausgangspunkt ihres politischen Widerstands finden. Seine Kritik beginnt dort, wo aus der Kategorie Sexismus eine allumfassende Erklärung werden soll. Je weiter sich radikal-feministische Theorien von konkreten individuellen Erfahrungen entfernten und je stärker ökonomische und klassenspezifische Bedingungen ins Spiel kämen, desto weniger überzeugend seien sie für ihn. Er bezeichnet die Vorstellung eines allumfassenden Feminismus deshalb als idealistischen Höhenflug und Ausdruck bürgerlicher Ideologie. Dies verbindet er mit einer historischen Analogie: Aus der Deutung des Generationenkonflikts als gesellschaftlichem Hauptwiderspruch sei in der Protestbewegung die Theorie von der „Jugend als Klasse“ entstanden; aus dem Geschlechterkonflikt entstehe entsprechend die Theorie vom „Kampf der Geschlechter“.

                          „Lesbierinnen sind Frauen, die sich entschieden haben, Frauen zu lieben“

                          Hier wird die zentrale Frage des Artikels besonders deutlich. Amendt zitiert die These, Lesbierinnen seien Frauen, die sich entschieden hätten, Frauen zu lieben, und weist sie mit großer Schärfe zurück. Sein Gegenargument lautet ausdrücklich, daß Lesben homosexuell seien, weil sie homosexuell „sein müssen“. Wenn sie ihre Lage erkannt hätten, wollten sie auch homosexuell sein. Eine freie Wahl zwischen homo- und heterosexuellem Begehren nach dem Motto „Was hätten gnädige Frau denn heute gern?“ lehnt er ausdrücklich ab. Damit formuliert Amendt eine Position, die für den gesamten weiteren Text zentral ist: Die sexuelle Orientierung ist für ihn keine politische Willensentscheidung. Menschen können ihre eigene Homosexualität erkennen, akzeptieren und bewußt leben; sie können sie aber nicht per Beschluß auswählen.

                          Diese Aussage zeigt, daß Amendt den Gedanken der sexuellen Wahlmöglichkeit keineswegs grundsätzlich bejaht. Im Gegenteil: Gerade gegenüber lesbischen Frauen verteidigt er die Vorstellung einer nicht frei gewählten sexuellen Orientierung. Er erklärt zugleich die Entstehung sogenannter „Bewegungslesben“ damit, daß Frauen, die jahrelang in heterosexuellen Beziehungen gelebt hätten, durch die Frauenbewegung Zugang zu ihren „wahren Bedürfnissen“ gefunden hätten. Sie seien homosexuell geworden und damit zu dem geworden, was sie schon immer gewesen seien. Die Frauenbewegung habe also nicht die sexuelle Orientierung erzeugt, sondern die gesellschaftlichen Bedingungen geschaffen, unter denen sie erkannt und gelebt werden konnte.

                          Sexuelle Gewalt und die Entdeckung homosexueller Identität

                          Amendt hält die Sexismustheorie dort für sinnvoll, wo sie sexuelle Gewalt und deren Folgen beschreibt. Er argumentiert, daß offene oder subtile sexuelle Gewalt eine Ursache dafür sein könne, daß homosexuelle Frauen ihre Orientierung lange verleugnen. Dabei schildert er die Geschlechterverhältnisse in drastisch körperlichen Begriffen: Die körperlichen Voraussetzungen der Frau und eine männliche Sexualität, die mit Körperkraft und Penis als Waffe Gewalt ausübe, könnten ein physisches Gewaltverhältnis hervorbringen, in dem viele Frauen untergehen. In diesem Rahmen erscheint die „Entdeckung“ und Akzeptanz der eigenen Homosexualität nicht als etwas, das erst politisch begründet werden müsse. Die „Bewegungslesben“ müßten ihr Verhalten allerdings weiterhin gegenüber bürgerlicher Moral rechtfertigen und rationalisieren.

                          Das knarrende Scharnier

                          Mit dem Abschnitt über Bisexualität erreicht der Artikel seinen für das Bi(-/+) Archiv wohl interessantesten Punkt. Amendt bezeichnet „Bisexualität“ ausdrücklich als eines der „knarrenden Scharniere“ bei der Begründung homosexuellen Verhaltens. Er verweist auf Simone de Beauvoir und die Behauptung, alle Frauen seien homosexuell, was er so interpretiert, daß damit zumindest eine bisexuelle Anlage gemeint sei. Gleichzeitig unterscheidet er zwischen einer statistisch meßbaren Bisexualität und einer von ihm wesentlich anspruchsvoller definierten „psychischen Bisexualität“. Amendt räumt die Existenz von Menschen ein, die sowohl gleichgeschlechtliche als auch gegengeschlechtliche sexuelle Beziehungen oder Kontakte eingehen. Bereits seine Wortwahl zeigt jedoch eine problematische begriffliche Perspektive: Er beschreibt die jeweiligen Beziehungen als „hetero-“ beziehungsweise „homosexuell“, obwohl damit eigentlich die sexuelle Orientierung der beteiligten Person und nicht die Beziehung als solche bezeichnet wird.
                          Problematisch erscheint ihm jedoch die Vorstellung einer wirklichen Symmetrie zwischen beiden Polen. Dafür kenne er nur wenige Beispiele, noch weniger für eine psychische Bisexualität, bei der Menschen ohne Mangelgefühl, ohne Bevorzugung und ohne Fixierung auf bestimmte Schönheitsideale jederzeit Partnerinnen oder Partner beider Geschlechter lieben könnten. Diese Form beschreibt er ausdrücklich als eine Utopie, deren Verwirklichung sich zu erkämpfen lohnen könnte - die aber für ihn weiterhin nur eine Utopie sei.

                          Gerade hier zeigt sich die Ambivalenz seiner Position. Amendt bestreitet Bisexualität nicht vollständig. Er erkennt empirische bisexuelle Verhaltensweisen ausdrücklich an. Er verschiebt jedoch den Maßstab so weit in Richtung einer vollkommen symmetrischen, jederzeit möglichen, von Präferenzen freien sexuellen Offenheit, daß die meisten realen Formen von Bisexualität aus seinem Definitionsrahmen herausfallen. Bisexualität erscheint bei ihm deshalb weniger als eigenständige sexuelle Orientierung als vielmehr als hypothetische, nahezu ideale Form völliger sexueller Beweglichkeit. Diese Begriffssetzung ist folgenreich: Wer Bisexualität nur dann als „wirkliche“ Bisexualität gelten läßt, wenn Männer und Frauen gleichermaßen und jederzeit austauschbar begehrt werden, macht einen großen Teil tatsächlicher bisexueller Erfahrungen schon durch die Definition unsichtbar.

                          Heterosexuelle Frauen und das Recht auf die eigene Sexualität

                          Amendt stellt anschließend die Frage, ob die Fähigkeit von Frauen, intensive emotionale Beziehungen zu anderen Frauen zu entwickeln und diese auch körperlich zu erleben, bereits als Beleg für eine „konstitutionelle weibliche Bisexualität“ gelten könne. Er verneint diese Schlußfolgerung jedoch indirekt über die Selbstverständnisse der Frauen in feministischen Gruppen. Auch Frauen mit homosexuellen Erfahrungen verstünden sich weiterhin als heterosexuell. Amendt greift hier die These auf, heterosexuelle Frauen seien heterosexuell, „weil sie heterosexuell sein müssen“, und interpretiert sie als gesellschaftliche Prägung. Für ihn besteht ihr emanzipatorisches Anliegen gerade darin, ihre Heterosexualität selbst zu bestimmen und nicht von Männern interpretiert zu bekommen.

                          Damit landet Amendt bei einer bemerkenswerten Konsequenz: Der Versuch, „Lesbianismus“ als sexuelle Praxis der feministischen Theorie festzuschreiben, erzeuge selbst ein neues Gewaltverhältnis. Frauen fühlten sich von Frauen bedroht, weil ihnen heterosexuelle Wünsche weginterpretiert würden und ihnen erklärt werde, was sexuell richtig für sie sei. Das ist für die historische Einordnung des Artikels wichtig, weil Amendts Kritik an lesbischer Dominanz innerhalb der Bewegung hier nicht einfach eine Verteidigung der Heterosexualität ist. Er verteidigt vielmehr das Recht auf unterschiedliche sexuelle Selbstbestimmung und wendet sich gegen eine politische Normierung sexueller Wünsche.

                          Weibliche Homosexualität als Ideal und ihre Grenzen

                          Amendt kritisiert zugleich die Idealisierung lesbischer Beziehungen. Auch homosexuelle Frauen hätten nicht automatisch herrschaftsfreie Beziehungen; solche Beziehungen müßten erst hergestellt werden. Homosexuelle Frauen seien nicht allein aufgrund ihrer sexuellen Orientierung solidarischer oder weniger herrschaftsförmig als andere Frauen. Auch innerhalb von Frauenberufen könnten Frauen in Leitungspositionen Herrschaft über andere Frauen ausüben. Die Vorstellung weiblicher Homosexualität als bereits verwirklichte Utopie lehnt er deshalb ausdrücklich ab. Für heterosexuelle Frauen könne diese Idealisierung sogar wie eine puritanische Verzichtsmoral erscheinen: Sie wollten die Ursachen und Folgen einer von Männern deformierten Heterosexualität bekämpfen und würden stattdessen aufgefordert, die Heterosexualität selbst abzuschaffen.

                          Der entscheidende Widerspruch: Sexualität ist nicht frei wählbar

                          Hier liegt der theoretische Kern des Artikels. Amendt hält es durchaus für möglich, eine heterosexuelle Frau zu einer homosexuellen Beziehung zu „überreden“. Er bezweifelt aber, daß damit ihre sexuelle Orientierung tatsächlich verändert wurde. Eine manipulierte Frau schlafe dann nicht einfach mit einer Frau, sondern „mit ihr gegen einen Mann“ oder gegen Männer. Für Amendt wäre dies keine Befreiung, sondern eine neue instrumentelle Form von Sexualität. Anschließend kehrt er ausdrücklich zum Problem der Geschlechterrollenfixierung zurück. Diese könne zwar als Terror empfunden werden, lasse sich aber nicht durch einen bloßen Willensakt überwinden. Genau an dieser Stelle bringt er wiederum die Verfechter der Bisexualität ins Spiel, die sagen könnten, es sei gleichgültig, mit wem man sich einlasse und mit wem man schlafe. Seine Reaktion ist kategorisch: Wenn es wirklich gleich wäre, könne man es ebenso gut lassen. „Es ist anders!“

                          Was Amendt tatsächlich gegen Bisexualität wendet

                          Damit läßt sich seine Position genauer beschreiben als lediglich mit der Aussage, er sei „gegen Bisexualität“. Amendt bestreitet weder, daß Menschen sexuelle Erfahrungen mit beiden Geschlechtern machen können, noch bestreitet er, daß eine solche Möglichkeit gesellschaftlich interessant oder sogar utopisch sein könnte. Sein Einwand richtet sich gegen die Interpretation, aus solchen Möglichkeiten eine grundsätzlich freie Wahl zwischen sexuellen Richtungen abzuleiten. Er besteht darauf, daß die Erfahrung des Begehrens gegenüber einem Mann und gegenüber einer Frau verschieden ist und daß diese Verschiedenheit nicht durch das Etikett „Bisexualität“ eingeebnet werden könne. Gleichzeitig lehnt er die Vorstellung ab, Homosexualität durch bewußte Entscheidung herbeiführen oder heterosexuelle Menschen politisch in eine homosexuelle Praxis überführen zu können.

                          Seine Argumentation besitzt allerdings einen erheblichen Widerspruch: Er kritisiert die Bisexualität einerseits als Hilfskonstruktion, die Unterschiede zwischen homo- und heterosexuellem Begehren angeblich verwische, definiert sie andererseits aber so streng, daß sie nur unter nahezu idealisierten Bedingungen als echte psychische Bisexualität gelten kann. Damit diskutiert er eine Extremform von Bisexualität und zieht daraus weitreichende Schlüsse über den Begriff insgesamt. Was heute als völlig kompatibel mit Bisexualität gelten würde - etwa eine nicht symmetrische Anziehung, wechselnde Intensitäten, unterschiedliche Qualitäten des Begehrens oder das Ausbleiben einer Gleichverteilung - paßt in seinen eng gesetzten Maßstab kaum hinein. Seine Kritik trifft deshalb vor allem eine bestimmte Vorstellung von Bisexualität als vollständiger sexueller Austauschbarkeit, nicht notwendig jede mögliche Konzeption bisexueller Orientierung.

                          Die Pointe des Schlusses

                          Im letzten Abschnitt kehrt Amendt zur politischen Entwicklung der Homosexuellenbewegung zurück. Er stellt dem neuen Selbstbewußtsein homosexueller Menschen und dem offenen Eintreten für das Recht, so zu sein, wie man ist, die zeitgleich entstehende „Theorie“ der Bisexualität gegenüber. Diese behaupte, man könne „auch anders sein“. Seine Schlußfolgerung ist deshalb ausgesprochen hart: Objektiv sei die Theorie von der Bisexualität eine neue, subtile Form der Homosexualitätsunterdrückung.

                          Gerade dieser Satz macht den Text für eine Geschichte der Bisexualität außerordentlich interessant. Amendt entwickelt seine Position aus einem durchaus emanzipatorischen Grundgedanken: Niemand soll seine sexuelle Orientierung politisch vorgeschrieben bekommen, und homosexuelle Menschen sollen ihre eigene Orientierung erkennen und selbstbestimmt leben können. Er wendet diesen Gedanken jedoch gegen die Bisexualität. Das ist die eigentliche historische Pointe: Ausgerechnet die Forderung, sexuelle Orientierung nicht politisch zu erzwingen, wird dazu benutzt, Bisexualität als Bedrohung der homosexuellen Emanzipation zu interpretieren.

                          Kritische Einordnung aus heutiger Sicht

                          Aus heutiger Perspektive ist die stärkste Schwäche des Artikels die Vermischung mehrerer völlig verschiedener Ebenen. Amendt hat Recht darin, daß sexuelle Orientierung nicht einfach per politischem Willensakt gewählt werden kann. Daraus folgt aber nicht, daß Bisexualität eine theoretische Illusion oder eine „Hilfskonstruktion“ sein muß. Sein Argument setzt zudem stillschweigend voraus, daß Bisexualität eine Art Gleichverteilung oder Austauschbarkeit von Männern und Frauen impliziert. Genau das ist jedoch keine notwendige Bedeutung des Begriffs. Bisexualität kann sowohl unterschiedlich starke als auch unterschiedlich geartete Anziehungen umfassen; sie setzt weder identische Erfahrungen noch identische Präferenzen voraus. Das „Es ist anders“ widerlegt daher Bisexualität nicht. Im Gegenteil: Ein bisexueller Mensch kann ohne jeden Widerspruch sagen, daß Sex mit einem Mann und Sex mit einer Frau verschieden ist und daß er dennoch beide Geschlechter begehrt.

                          Auch sein Umgang mit der Frage der sexuellen Wahl ist doppeldeutig. Gegen die feministische Idee, „Lesbianismus“ könne einfach als politische Praxis gewählt werden, argumentiert Amendt plausibel mit der fehlenden Willkürlichkeit sexueller Orientierung. Bei der Bisexualität behandelt er aber wiederum eine extreme Idealvorstellung völliger sexueller Offenheit als Maßstab. So entsteht ein Kategorienfehler: Die Tatsache, daß ein Mensch seine Orientierung nicht frei wählen kann, sagt nichts darüber aus, ob diese Orientierung homo-, hetero- oder bisexuell sein kann. Ebenso wenig folgt aus der Tatsache, daß sexuelle Begegnungen mit Männern und Frauen verschieden sein können, daß ein Mensch nur eines der beiden Geschlechter begehren könne.

                          Die historische Ironie der Argumentation

                          Amendt beschreibt Bisexualität als „knarrendes Scharnier“ zwischen den Kategorien und erkennt selbst, daß die Vorstellung einer umfassenden Bisexualität eine starke utopische Anziehungskraft besitzt, bezeichnet sie jedoch zugleich als „Homosexuellenunterdrückung“. Genau an diesem Punkt liegt rückblickend vielleicht die interessanteste historische Ironie des Textes.
                          Das „Scharnier“ knarrt nämlich nicht nur deshalb, weil die Theorie schlecht funktionieren könnte, sondern weil Bisexualität die politische Eindeutigkeit des damaligen Gegensatzes von Heterosexualität und Homosexualität grundsätzlich stört. Sie paßt nicht ohne Weiteres in ein Modell, in dem die Befreiung von heterosexueller Herrschaft über eine politische Hinwendung zum „Lesbianismus“ gedacht wird. Sie stellt vielmehr die Vorstellung infrage, daß sexuelle Emanzipation zwangsläufig in eine eindeutige sexuelle Richtung führen müsse.

                          [ GPT & Mac ]

                          Verweise / Quellen:

                          • Konkret-Verlag, „Verlagsgeschichte“. https://konkret-magazin.de/verlagsgeschichte/
                          • Deutsches Literaturarchiv Marbach, Katalogeintrag „Konkret : Politik und Kultur“, ISSN 0023-3528. https://www.dla-marbach.de/find/opac/id/AK00003194/
                          • AAP – Künstlerbücher/Archiv, Nachweis „konkret 1977 Nr. 01–12“. https://artistbooks.de/suchen/suche-volltext.php?VOLLTEXT=Amendt

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                          ArchivID

                          917

                          Kategorie

                          Publikation -> Zeitschrift

                          ISSN


                          0023-3528 (booklooker.de)
                          0023-3528 (google.de)

                          Autor* / Autorin*

                          Dr. Günter Amendt
                          🪦

                          Verlag

                          -HE9W23

                          Datenstand dieser Publikation

                          30.04.1977

                          Im Bi(-/+) Archiv seit dem

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                          Im Bi(-/+) Archiv veröffentlicht

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                          #1977 #Bisexualität #Emanzipation #Feminismus #Fremdbestimmt #Geschlechterrollen #Homosexualität #Lesbische Liebe #LSBTIQA* #Sexismus #Sexualität #sexuelle Orientierung
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                          letzte Bearbeitung: 26.08.2026
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