Bi(-/+)Archiv
Broschüren, Studien, Flyer, Photo's, Zeitschriften, Filme, Bücher zum Thema Bisexualität / Multisexualität.
ArchivID
921
Kategorie
Autor* / Autorin*
Manfred Otzelberger
Quelle
Ulrike Heller
Datenstand dieser Publikation
29.05.1996
Im Bi(-/+) Archiv seit dem
23.09.2026
Im Bi(-/+) Archiv veröffentlicht
23.09.2026
Archiviertes Format
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Stichworte
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„Wie sich die deutschen Bisexuellen erstmals öffentlich präsentierten“
Eine A3-seitige Reportage der AZ vom 29. Mai 1996, verfaßt von Manfred Otzelberger.
Zeitgenössische, journalistisch zugespitzte Reportage über das Internationale Bisexuelle Symposium (IBIS) 1996 in Berlin und die zunehmende öffentliche Sichtbarkeit der deutschen Bisexuellenbewegung. Der Artikel verbindet Berichte über die Veranstaltung mit persönlichen Porträts, sexualwissenschaftlichen Positionen und kontroversen Debatten über bisexuelle Identität und Beziehungen. Die Darstellung ist von der pointierten und teilweise provokanten Sprache des Autors geprägt.
Kommentar Bi(-/+) Archiv
Zusätzliche Informationen, Hintergrundwissen, Fakten oder Meinungen zu diesem Archivstück.Eine Bewegung tritt aus dem Schatten
Die Reportage beschreibt einen Zeitpunkt, an dem Bisexualität in Deutschland aus einer langen Phase gesellschaftlicher Unsichtbarkeit hervortritt und sich erstmals in größerem Umfang als eigenständige soziale und politische Erscheinung öffentlich präsentiert. Ausgangspunkt ist die Vorstellung, Bisexualität sei keine seltene Abweichung von einer vermeintlich eindeutigen sexuellen Ordnung, sondern eine Möglichkeit menschlicher Sexualität, die von vielen Menschen gelebt werde, ohne deshalb notwendigerweise als Identität öffentlich benannt zu werden. Der Artikel stellt dieser alltäglichen, häufig verborgenen Praxis die noch immer bestehende Zurückhaltung gegenüber einer offenen bisexuellen Selbstbezeichnung gegenüber. Zwischen gelebtem Verhalten und öffentlich ausgesprochener Identität erscheint damit eine deutliche Kluft.
Der Artikel verknüpft diese Entwicklung mit einem gesellschaftlichen Wandel der 1990er Jahre. Bisexualität, so wird die damalige Wahrnehmung beschrieben, sei zuvor vielfach entweder bestritten oder moralisch und gesundheitspolitisch verdächtigt worden. Nun werde sie zunehmend öffentlich diskutiert und teilweise sogar als zeitgemäße Lebensform betrachtet. Die Reportage spricht von einer „Welle“, in deren Zusammenhang sich auch bekannte Persönlichkeiten zu bisexuellen Erfahrungen oder Beziehungen geäußert hätten. Entscheidend ist dabei weniger die Frage, ob Bisexualität tatsächlich eine neue Erscheinung sei, sondern daß Menschen, die bislang ihre Beziehungen und Gefühle im Privaten miteinander vereinbaren mußten, nun eine Sprache und eine Öffentlichkeit dafür vorfanden.
Das Internationale Bisexuelle Symposium
Den konkreten Anlaß der Reportage bildet das Internationale Bisexuelle Symposium (IBIS), das zu Pfingsten 1996 in Berlin stattfand. Mehr als zwanzig deutsche Gruppen waren zu diesem Zeitpunkt im Bisexuellen Netzwerk BINE zusammengeschlossen. Das Symposium wird als erster größerer öffentlicher Auftritt dieser Bewegung beschrieben. Es fand an der Freien Universität Berlin statt, stand unter der Schirmherrschaft der damaligen Berliner Sozialsenatorin, wurde mit einem offiziellen Empfang im Roten Rathaus verbunden und war als Bildungsurlaub anerkannt. Die Reportage hebt damit ausdrücklich hervor, daß Bisexualität hier nicht im privaten oder subkulturellen Raum blieb, sondern in institutionell sichtbare Öffentlichkeit eintrat.
Der Charakter der Veranstaltung wird zugleich gegen ein verbreitetes Klischee abgegrenzt. Das Symposium sei keine bloße Zusammenkunft zur sexuellen Selbstdarstellung und insbesondere keine „Sexparty“ gewesen, sondern vor allem ein Ort intensiver Diskussion. Verhandelt wurden unter anderem Multisexualität jenseits einer einfachen Zweiteilung in homo- und heterosexuell, Sexualität im Internet sowie Aids-Prävention unter Bisexuellen.
Daneben gab es Veranstaltungen, in denen Zusammenhänge zwischen Bisexualität, Feminismus, Geschlechterrollen und männlicher Sexualität behandelt wurden. Die geschlechtergetrennten Angebote und die unterschiedliche Sprache der einzelnen Gruppen zeigen dabei eine Bewegung, die keineswegs als geschlossenes Milieu erscheint, sondern aus verschiedenen Erfahrungen, politischen Vorstellungen und Formen sexueller Selbstbeschreibung besteht.
An dem Symposium nahmen nach Darstellung des Artikels rund 400 Menschen sowie etwa 50 internationale Referentinnen und Referenten teil. Die symbolische Bedeutung der Veranstaltung liegt für die Reportage darin, daß Menschen mit unterschiedlichen sexuellen Lebensweisen gemeinsam gegen die Vorstellung auftreten, Homo- und Heterosexualität könnten das gesamte Spektrum menschlicher Sexualität erschöpfend beschreiben. Die auf den Veranstaltungen getragenen Buttons und Slogans geben dieser Haltung eine spielerische öffentliche Form. Hinter der scheinbaren Leichtigkeit steht jedoch eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit der Frage, ob sexuelle Identität überhaupt in zwei voneinander getrennte Kategorien eingeteilt werden kann.
Bisexualität zwischen Sichtbarkeit und Privatheit
Die Reportage veranschaulicht diese Auseinandersetzung anschließend anhand mehrerer Lebensgeschichten. Eine verheiratete Frau, die in einem kleinen, konservativ geprägten Ort lebt, führt Beziehungen zu Männern und Frauen und spricht innerhalb ihrer Familie offen darüber. Außerhalb dieses privaten Kreises hält sie ihre Lebensweise jedoch verborgen, weil sie ihre Umgebung für eine solche Offenheit noch nicht bereit hält. Gerade darin zeigt sich die Grenze zwischen individueller Selbstverständlichkeit und gesellschaftlicher Sichtbarkeit: Für die unmittelbar Beteiligten kann eine solche Beziehungsordnung längst normal sein, während sie gegenüber der sozialen Umwelt weiterhin verborgen werden muß.
Für diese Frau ist Offenheit zugleich ein praktisches Mittel, mit den Spannungen nichtmonogamer Beziehungen umzugehen. Absprachen darüber, mit wem Zeit verbracht wird, und eine möglichst klare Kommunikation sollen Eifersucht begrenzen. Die Reportage macht damit deutlich, daß die bisexuelle Lebensweise nicht einfach als größere sexuelle Freiheit beschrieben werden kann. Mit der Erweiterung der Beziehungsmöglichkeiten entstehen zugleich neue Fragen nach Vertrauen, Zeit, Grenzen und gegenseitiger Rücksichtnahme. Eine weitere porträtierte Person formuliert denselben Gedanken aus einer anderen Perspektive: Der Wunsch, mehrere Menschen am eigenen Leben teilhaben zu lassen, müsse durch Zurückhaltung und klare Begrenzung ergänzt werden.
Eine Sexualforscherin, die eine größere Bisexuellen-Selbsthilfegruppe betreut, bringt die von ihr vertretenen Grundsätze auf vier Begriffe: Aufrichtigkeit, Aufgeschlossenheit, gute Kommunikation und feste Regeln. Ihre eigene Partnerschaft wird als Beispiel dafür dargestellt, daß bisexuelle Beziehungen nicht notwendig die Auflösung einer bestehenden Partnerschaft bedeuten. Vielmehr werden Bedingungen ausgehandelt, unter denen weitere Beziehungen möglich sind. Zugleich verschweigt der Artikel die daraus entstehenden Konflikte nicht. Beziehungen, in denen unterschiedliche Ansprüche an Zeit, Nähe und Verbindlichkeit zusammentreffen, können an Grenzen stoßen, die auch durch Offenheit nicht verschwinden.
Die Auseinandersetzung um den bisexuellen Mann
Besonders scharf wird die Identitätsfrage dort, wo bisexuelle Männer auf schwule Männer und schwule Selbstverständnisse treffen. Die Reportage gibt eine kontroverse Diskussion wieder, in der die Existenz eines eigenständigen bisexuellen Selbstverständnisses teilweise bestritten wird. Bisexuelle Männer werden von einigen Diskutierenden als Menschen betrachtet, die von heterosexuellen Privilegien profitieren und sich im Konfliktfall auf Frauen zurückziehen könnten. In dieser Sichtweise erscheint Bisexualität weniger als eigenständige sexuelle Identität denn als eine Form des Ausweichens vor den sozialen Konsequenzen einer homosexuellen Identität.
Dem steht die Erfahrung schwuler Männer gegenüber, die sexuelle Beziehungen zu Frauen haben, ohne sich selbst als bisexuell zu bezeichnen. Die Reportage macht daraus eine zentrale Schwierigkeit der damaligen Identitätsdebatte: Sexuelles Verhalten, sexuelle Orientierung und sexuelle Selbstbezeichnung fallen nicht notwendig zusammen. Ein Mann kann mit Frauen schlafen, ohne sich als bisexuell zu verstehen; ein anderer kann sich bisexuell identifizieren, ohne seine Beziehungen nach einem festen Muster zu organisieren. Die heftige Diskussion auf dem Symposium zeigt deshalb weniger eine einheitliche Definition von Bisexualität als einen Streit darüber, wer über die Bedeutung einer solchen Identität bestimmen kann.
Die alte Ordnung der zwei Geschlechter und zwei Sexualitäten
Im Hintergrund dieser Auseinandersetzung steht die grundsätzliche Kritik an der klassischen Einteilung in homo- und heterosexuell. Der Artikel führt Zahlen an, nach denen ein erheblicher Anteil schwuler Männer sexuelle Erfahrungen mit Frauen habe, ebenso ein erheblicher Anteil lesbischer Frauen mit Männern.
Damit verbindet der Artikel eine Vorstellung von Bisexualität, die über die bloße Möglichkeit zweier Geschlechter als Sexualpartner hinausweist. Mehrfach wird die Unmöglichkeit betont, bisexuelle Menschen in eine einzige Schublade zu stecken. Bisexualität erscheint als eine Lebensweise, die feste Grenzen zwischen Kategorien von Menschen und Beziehungen überschreiten kann. Zugleich bleibt die Sprache der Reportage deutlich von ihrem zeitgeschichtlichen Kontext geprägt: Sie arbeitet mit Begriffen wie „beide Ufer“, „Doppelbegabung“ und „doppelte Lust“, wodurch Bisexualität zugleich als Befreiung von Grenzen und als Besonderheit inszeniert wird.
Prominenz, Öffentlichkeit und das Bild der Bisexualität
Einen weiteren Teil der Argumentation bildet der Blick auf bekannte Persönlichkeiten. Künstlerinnen und Künstler werden als Menschen beschrieben, die sexuelle Grenzen schon immer überschritten hätten, wobei entsprechende Beziehungen oder Neigungen bei manchen erst nach ihrem Tod öffentlich geworden seien. Genannt werden unter anderem Marlene Dietrich, Madonna, David Bowie, Helmut Berger, Leonard Bernstein und Grace Jones. Die Reportage benutzt diese Beispiele, um zu zeigen, daß bisexuelle oder nicht eindeutig monosexuelle Lebensweisen keineswegs erst in den 1990er Jahren entstanden seien. Neu sei vielmehr die zunehmende Bereitschaft, darüber öffentlich zu sprechen.
Auch der Modeschöpfer Wolfgang Joop wird mit einer Deutung von Bisexualität zitiert, nach der sie für ihn gewissermaßen ein „Handwerkszeug“ darstelle. Woody Allen formuliert das Thema dagegen humoristisch über die größere Zahl möglicher Rendezvous. Solche Passagen zeigen die Spannweite des Artikels: Bisexualität wird einmal als gesellschaftliche Grenzüberschreitung, einmal als persönliche Ressource und einmal als Gegenstand von Selbstironie dargestellt. Die Reportage versucht damit, das Thema aus einer ausschließlich medizinischen oder moralischen Betrachtung herauszulösen und in die gewöhnliche Sprache von Beziehungen, Begehren und Lebensgestaltung zu überführen.
Freiheit und Verantwortung
Gegen Ende führt der Artikel eine psychologische und gesellschaftspolitische Perspektive zusammen. Der zitierte Psychiater Fritz Klein beschreibt Bisexualität als mit größerer Freiheit, aber zugleich mit größerer Verantwortung verbunden: Wer sich nicht auf ein Geschlecht als möglichen Beziehungspartner beschränkt, verfüge über mehr Möglichkeiten, könne aber auch mehr Menschen verletzen oder täuschen. In dieser Formulierung verschiebt sich der Blick von der sexuellen Orientierung auf die ethische Gestaltung von Beziehungen. Die Frage lautet nicht mehr allein, wen ein Mensch begehren darf, sondern wie er mit den Möglichkeiten umgeht, die ihm seine Beziehungen eröffnen.
Diese Verbindung von Freiheit und Verantwortung gehört zu den wichtigsten Gedanken des Artikels. Die porträtierten Menschen führen keine einheitliche Form bisexuellen Lebens vor. Manche leben mehrere Beziehungen gleichzeitig, andere handeln enge Grenzen mit ihren Partnern aus, manche verbergen ihre Beziehungen nach außen, während sie sie im privaten Kreis offen leben. Gemeinsam ist ihnen weniger ein bestimmtes Beziehungsmodell als die Erfahrung, daß die herkömmlichen Kategorien ihre Lebenswirklichkeit nur unvollständig erfassen.
Historische Erinnerung und gesellschaftliche Anerkennung
Zum Schluß richtet sich der Blick auf die Geschichte der gesellschaftlichen Bewertung sexueller Vielfalt. Der Psychiater Fritz Klein wird als eine der prägenden Figuren der Bisexuellenbewegung dargestellt. Seine biographische Erfahrung als jüdischer Emigrant aus Wien verbindet der Artikel mit einer allgemeinen Betrachtung über Minderheiten und gesellschaftliche Anerkennung. Klein wird mit der Einschätzung wiedergegeben, die Mythen über Bisexualität bestünden weiterhin und eine wirkliche Anerkennung werde erst erreicht sein, wenn auch andere gesellschaftliche Minderheiten selbstverständlich als Teil der Gesellschaft betrachtet würden.
Auch Oswalt Kolle ordnet Bisexualität historisch ein. Während Homosexualität und Lesbentum in einer zunehmend toleranteren Gesellschaft zumindest teilweise akzeptiert worden seien, begegne man Bisexuellen weiterhin mit Mißtrauen. Seine historische Gegenüberstellung reicht vom griechischen Altertum, in dem er dem bisexuellen Menschen einen besonderen gesellschaftlichen Rang zuschreibt, bis zum bürgerlichen Zeitalter, in dem Bisexualität als Krankheit und Perversion bewertet worden sei. Die Reportage endet schließlich mit der These, Bisexualität sei kein Problem, sondern eine Bereicherung.
Einordnung der Reportage
Das Dokument ist weniger eine nüchterne Bestandsaufnahme als eine Reportage, die den Eintritt der deutschen Bisexuellenbewegung in die öffentliche Wahrnehmung begleitet. Ihr Gegenstand ist deshalb nicht nur Bisexualität, sondern der Vorgang der Sichtbarwerdung selbst. Die Veranstaltung in Berlin bildet dafür den Mittelpunkt: Aus verstreuten persönlichen Erfahrungen, lokalen Gruppen und individuellen Identitäten entsteht eine Bewegung, die eine eigene Sprache entwickelt, sich organisiert und ihre gesellschaftliche Existenz öffentlich behauptet.
Auffällig ist dabei die Spannung zwischen der erklärten Auflösung starrer Kategorien und der gleichzeitigen Suche nach einer eigenen kollektiven Identität. Gerade weil Bisexualität nicht in die traditionelle Ordnung von Homo- und Heterosexualität passen soll, entsteht das Bedürfnis nach einer Bezeichnung, einer Bewegung und einem politischen Raum, in dem diese Nicht-Eindeutigkeit bestehen kann. Die Reportage zeigt somit einen historischen Moment, in dem eine bisexuelle Öffentlichkeit nicht deshalb entsteht, weil alle Beteiligten dasselbe verstehen oder dasselbe leben, sondern weil sie ihre Verschiedenheit gegenüber einer Ordnung sichtbar machen, die bislang nur zwei Möglichkeiten anerkennen wollte.
Die zentrale Bedeutung des Artikels liegt daher weniger in einzelnen Aussagen über Sexualität als in der dokumentierten Verschiebung des gesellschaftlichen Blicks. Bisexualität wird nicht mehr ausschließlich als individuelles Problem behandelt, das verborgen oder erklärt werden muß, sondern als Gegenstand gemeinsamer Diskussion, Selbstorganisation und öffentlicher Auseinandersetzung. Die Reportage hält damit einen frühen Moment der deutschen Bisexuellenbewegung fest, in dem aus dem privaten Erleben einzelner Menschen eine öffentlich wahrnehmbare soziale Wirklichkeit wird.
Hinweis
Bitte beachten Sie, daß die Inhalte von Archivalien nicht mehr dem heutigen Wissensstand oder der aktuellen Rechtslage entsprechen könnten.
letzte Bearbeitung: 29.09.2026
