Abwehrbisexualität

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Abwehrbisexualität ist mehr oder weniger die Kurzform / der Fachbegriff eines Vorurteils gegenüber Bisexuellen.

Das Vorurteil:

Bisexuelle wären eigentlich alle Homosexuell, könnten dies aber noch nicht für sich akzeptieren und würden sich deshalb in die Schublade 'Bisexualität' flüchten, um den Schein der Heterosexualität möglichst lange aufrecht zu erhalten[1].

Zu diesem Vorurteil hat neben Havelock Ellis, auch Reimut Reiche beigetragen[2].

Insbesondere Reimut Reiche stufte alle „Bisexuellen", die er im klinischen Kontext gesehen hatte, so ein, denn „sie setzten das manifest bisexuelle Verhalten bewusst oder unbewusst als Tarnung in einem unbewussten Konflikt ein.

Leider gab es Anfangs auch in der DDR einen Vertreter mit ähnlicher Meinung zur Existenz der Bisexualität [3].

Die Diagnose „Bisexualität“ ist oft die Folge semantischer Unzulänglichkeit der Tatbestandbeschreibung, zu der es besonders leicht dann kommt, wenn die ursprünglichen autobiographischen Angaben nicht eingehend analysiert werden. Dies trifft für H. Ellis und Henry zu.

Nur ein Fünkchen Wahrheit

Generell läßt sich sagen, jedes Vorurteil hat immer auch einen gewissen Grad an Wahrheit.
Es gibt durchaus Menschen, welche das Coming-out zur Homosexualität leichter verkraften, wenn sie vorher den Zwischenschritt über die Schublade Bisexualität absolvieren ( Transitionale Bisexualität). In dieser Studie für Jugendliche belegt[4]. Da geht es dann eher um den möglichen Verlust des persönlichen Umfeldes und eine Abmilderung des 'Schocks' für eben dieses[5].
Aber auch das Innere Coming-out kann eine Rolle spielen. Die Selbstakzeptanz /-erkenntnis sich doch in gleichgeschlechtliche Partner_innen verlieben und, gerade bei Männern, sie küssen zu können/wollen.
Sie wehren sich gegen die Möglichkeit, Homosexuell zu sein, gelesen zu werden und nehmen deshalb lieber das scheinbar 'kleinere Übel' (Transitionale Bisexualität).

sie setzten das manifest bisexuelle Verhalten bewusst oder unbewusst als Tarnung in einem unbewussten Konflikt ein. Dieser Konflikt bezog sich darauf, das eigene biologische Geschlecht oder das eigene, meist homosexuelle oder perverse Triebschicksal anzunehmen. Diese manifest tatsächlich Bisexuellen befanden sich gleichsam als Kollektiv im 'Coming out' - wohin auch immer sie kommen würden

Zeitgemäße Fakten

Diese Selbstverleugnung einiger Homosexueller, pauschal allen Bisexuellen zu unterstellen, fällt mittlerweile zurecht in den Bereich Bi-Phobie/Bi-Feindlichkeit.
Es gibt genug (dauerhafte) bisexuelle Beziehungen, die dieses Vorurteil widerlegen und die Existenz "echter Bisexueller" (manifest tatsächlich Bisexuelle) belegen, sofern der Beweis denn noch nötig sein sollte[6].

Das Paradoxe am Begriff 'Abwehrbisexualität' ist, daß er gerne von Homosexuellen gegen Bisexuelle verwendet und ihnen damit die Existenz der Bisexualität abgesprochen wird, obwohl er in erster Linie auf Homosexuelle zutrifft. Als Pendant dazu gibt es auch den Begriff 'Abwehrhomosexualität'.
Bliebe wohl noch die Frage, wo und wie R. Reiche seine Studienteilnehmer_innen rekrutiert hat und ob damals eventuell der § 175 der BRD eine objektive Auswahl verhindert hat.

[ Mac ]

3 Archivalien zum Begriff 'Abwehrbisexualität'

  1. BiJou 24 - Bisexuelles Journal, Ausgabe 24, 04/2012; Typ: Publikation
    ... Robyn Ochs – eine Kämpferin voller Energie - Die Studien auf der BiReCon - Bisexualität in Indien, Sri Lanka und im Hinduismus - Bisexualität in der Schweiz: - Die Bi-Szene in den vergangenen 20 Jahren - Das erste ...
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  2. Sexuologie, Band 17 / 2010; Heft 1 - 2; Typ: Publikation
    ... vorgestellt. Zehn mit Frauen verheiratete homosexuelle Männer über 50 aus einer nicht-klinischen Population, die innerhalb und außerhalb der homosexuellen Szene rekrutiert wurden, wurden in den Jahren 2006 und 2007 je zwei Mal interviewt. Ziel war es, mehr über Entwicklung und Transformation sexueller Identität ab der Pubertät zu erfahren. Besonders interessierten ...
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  3. Zeitschrift für Sexualforschung, 16. Jahrgang, Heft 1, März 2003; Typ: Publikation
    ... So kann das, was klinisch als Abwehrbisexualität imponiert, zwar Ausdruck eines Homosexualitätskonfliktes sein. Aber zumindest bei einem Teil der betroffenen Männer geht es bei diesem Konflikt darum, die homosexuelle Seite ihrer bisexuellen Struktur anzunehmen. Die voreilige Diagnose „Abwehrbisexualität" würde in diesen Fällen also den Blick auf die bisexuelle Differenzierung dieser ...
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Fußnoten / Einzelnachweise

  1. Meinungen auf BiPride.eu
  2. Reiche R., Geschlechterspannung. Eine psychoanalytische Untersuchung. Frankfurt/ M.: Fischer Taschenbuch Verlag; 1990, ArchivID: 749
  3. Freund, Kurt, Dr. med.; Die Homosexualität beim Mann; S. Hirzel Verlag, Leipzig; 1963; S. 14; (Übersetzung der Originalarbeit: "Homosexualita u muže"; Verlag für Gesundheitswesen, Prag/CSSR; 1962)
  4. Bericht zur Studie 'Wir wollen's wissen', Schwules Netzwerk NRW, Köln, 2004, 3. Erlebnisse und Diskriminierung durch das Coning- Out, S. 9; ArchivID: 172
  5. Lebenssituation lesbischer, bisexueller und schwuler Jugendlicher in Deutschland, Dr. Stefan Timmermanns, 2006, Vortrag; ArchivID: 167
  6. Bonusmeilen auf Liebe-Leben-Leute.de: Lebenswege von Bisexuellen und ihren Partner_innen

letzte Bearbeitung: 06.05.2023